Juli: Der Anfang vom Ende ist voller Veränderungen

Dienstag, 31.07.2018

„Habari ya ujerumani?“

Schon seit meiner Ankunft in Kenia vor mittlerweile mehr als elf Monaten begleitet mich diese Frage ständig; auch wenn sie mir meist in Englisch – „How is Germany?“ – gestellt wird. Und während ich also im Laufe des Jahres ähnlich wie bei der Frage „How is Kenya“ immer vor dem Problem stand, diesen Sachverhalt bzw. ein gesamtes Land in wenigen Worten schlecht beschreiben zu können, so stellt sich mir diese Frage nun gezwungenermaßen auf einmal selbst; schließlich dauert es nicht mehr allzu lange, bis auch ich wieder in Deutschland sein werde.

Der letzte Blogeintrag endete mit Abschluss des „Endterm-Camps“ in Kithyoko, und auf diesem hatte ich mir vorgenommen, mich so langsam etwas mehr auf meine Rückkehr vorzubereiten. Aufgrund mangelnden Wissens, in welche Richtung ich mich nach diesem Jahr orientieren und was ich anschließend machen will, habe ich die Einschreibefrist für die meisten Studiengänge schon verstreichen lassen; doch auch ansonsten bin ich nicht zu wirklich viel gekommen, was mit der bald anbrechenden Zeit zurück in Deutschland zutun hat. Der – oder zumindest ein entscheidender – Grund dafür ist, dass sich in diesem Monat, über den ich gedacht hatte, dass ich einfach relativ entspannt meinen Alltag und mein Leben in Kithyoko weiter und zu einem Ende bringen würde, noch einmal so viel kurzfristig änderte, was mein Leben und die Pläne für meinen restlichen Aufenthalt geradezu über den Haufen warf.

Möglicherweise war meine Vorstellung über einen geordneten, „normalen“ Ablauf der letzten Zeit etwas naiv, nachdem ich schon fast ein Jahr im doch immer wieder so chaotischen Kenia verbracht hatte; aber zugegeben hat der letzte Monat auch noch einmal alles übertroffen, was ich bisher erlebt hatte: Es ging eigentlich schon damit los, dass ich nach Ende des Camps anfing, etwas mehr über meine Rückkehr und die Zeit danach nachzudenken und zu realisieren, wie unschön es eigentlich ist, dass ich ganz offensichtlich ohne konkreten Zukunftsplan zurück nach Deutschland kommen würde. Und während ich neben der schon wieder unfassbar vielen Arbeit vor allem mit dieser Problematik, die ich davor einfach erfolgreich verdrängt hatte, beschäftigt war, wurde ich mit einer neuen, viel dringlicheren Angelegenheit konfrontiert. Wenn auch nicht auf die Weise, dass sich mein Mitbewohner Father Titus, der in erster Linie fürs Parish zuständige Priester, einfach mit mir zusammengesetzt, die Lage dargestellt und über eine Lösung des Problems geredet hat.

Stattdessen habe ich typisch kenianisch mit der Zeit und „häppchenweise“ in Erfahrung gebracht, dass offensichtlich relativ kurzfristig und früher als geplant Mitte Juli die Priester unserer Gemeinde ausgetauscht würden – im Kapuzinerorden, dem meine Mitbewohner angehören, ist es normal, dass die Priester zwischen den einzelnen Standorten rotieren. Und offensichtlich wollten die beiden neuen Priester, von denen einer schon seit Mai bei uns lebte, das Parish einmal richtig „aufräumen“, sodass neben Father Titus und Brother John auch Phillip, mit dem ich mir zuletzt das Zimmer geteilt hatte, und ich gehen sollten… – Was mir so allerdings nie gesagt wurde. Stattdessen wurde ich vom neuen Priester nur irgendwann kurz vor der Übergabe, von der ich auch erst einige Tage zuvor erfahren hatte, völlig überrumpelt, als er mich fragte, wann ich denn plane auszuziehen.

Noch einmal zur Erinnerung: Als ich Anfang September letzten Jahres kurzfristig nach Kithyoko kam, sollte ich eigentlich im Projekt leben. Nun ergab sich allerdings die Problematik, dass zu diesem Zeitpunkt nur die Mitarbeiterinnen dort schliefen und somit kein Platz für einen männlichen Freiwilligen war, sodass Brother John offensichtlich beschloss, mich einfach im Parish unterzubringen. So weit, so gut; und zehn von zwölf Monaten habe ich dort ja auch ohne größere Schwierigkeiten gelebt. Doch nun, wo meine Einsatzstelle nur noch drei Wochen offen und ich insgesamt nur noch sechs Wochen in Kenia sein würde, wechselten die Priester – und zumindest der schon im Mai angekommene Father Joffrey schien nicht allzu angetan von der Vorstellung, mich noch die restliche Zeit zu beherbergen. Aus diesem Grund habe ich mich also darum gekümmert, ob ich für diese sechs Wochen noch ins Projekt ziehen könne, wo sich die Situation mittlerweile geändert hat und ein Bett für einen männlichen Freiwilligen frei ist, und bin somit am 19. Juli umgezogen.

Dadurch änderte sich nun auf einen Schlag ziemlich viel: Schon vorher habe ich schon extrem viel Zeit im Projekt verbracht und gearbeitet; aber es war halt immer ausschließlich meine Arbeitsstelle, die ich versucht habe, auch einigermaßen von meinem sonstigen Leben im Parish zu trennen. Und nun habe ich auf einmal dort auch gelebt und geschlafen, sodass ich also schlagartig noch mehr Teil dieser Institution wurde und tatsächlich auch noch mehr gearbeitet habe: Angefangen um 07.30 Uhr mit dem Frühstück der Kinder wurden meine Tage so noch länger; zumal ich häufig auch noch nach dem Abendessen den Matrons mit der Wäsche geholfen habe, sodass ich nicht selten elf Stunden am Stück ohne längere Pause mit Arbeit beschäftigt war. Gleichzeitig hat es aber natürlich auch seine guten Seiten, dass ich nun ganz dort lebe und nicht zwischen beiden Orten hin- und herpendeln muss, insbesondere weil ich im Projekt sowieso schon so viel Zeit verbracht hatte: So kann ich nun auch tagsüber die Wäsche waschen oder andere Dinge erledigen, die ich nur „zu Hause“ machen würde, und habe im Zweifel auch die Möglichkeit, mich im Laufe des Tages mal in mein Zimmer zurückzuziehen und auszuruhen – etwas, das ich vorher, wo dies einzig meine Arbeitsstelle war, nie wirklich getan habe.

Und wo ich schon vom Projekt spreche: Auch hier hat sich einiges kurzfristig und unerwartet geändert. Rund eine Woche vorher an dem Tag, an dem ich morgens erfahren hatte, dass ich im Zweifel umziehen müsse, und ich dementsprechend rausfinden und absprechen wollte, ob ich die restliche Zeit in meiner Einsatzstelle unterkommen könne, stand der Besuch von einer Gruppe Unterstützer unseres Projekts aus Großbritannien an. Da solche Ereignisse neben der Zeit, die die Veranstaltung selbst in Anspruch nimmt, auch noch eine Menge zusätzlicher Arbeit verursacht, trafen sich alle Mitarbeiter morgens zu einer Besprechung. Dort wurden dann allerdings nicht nur die zu erledigenden Aufgaben besprochen und verteilt, sondern zumindest für die meisten von uns völlig überraschend verkündete Sister, die Leiterin / Verwalterin der Einrichtung, dass ihre Zeit gekommen sei und sie uns verlassen müsse – und zwar vermutlich gleich am nächsten Tag.

So ganz haben wir alle nicht verstanden, was sie uns wirklich mitgeteilt hat, aber es wirkte auf uns so, dass sie nach einer kurzen Übergangszeit, in der sie hin und wieder noch mal vorbeischauen und den Fortschritt vom Bau der neuen Küche sehen wollte, endgültig gehen würde. Und gefühlt war sie anschließend tatsächlich noch unregelmäßiger und seltener da, hat dann aber gleichzeitig immer noch so gewirkt, also wäre sie zuständig und es hätte sich nichts geändert. Letzten Sonntag hat sie sich in der Kirche (ja, ich habe tatsächlich noch einmal an einem Gottesdienst vor Ort teilgenommen, auch wenn ich beim letzten Mal eigentlich beschlossen hatte, wegen der gravierenden Differenzen von Ablauf und Inhalt des Ganzen zu meinen eigenen Vorstellungen dies nicht mehr zu tun) dann noch einmal ausführlicher verabschiedet; aber auch hier war ich mir nicht sicher, ob es sich dabei tatsächlich um ihren Weggang handelte oder nur darum ging, dass dies der letzte Sonntag war, bevor wir die Schule zu schließen planten.

Tschüss Parish! Ein letzter Blick...

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Womit ich schon bei der letzten folgenreichen Überraschung wäre: Der „Closing date“ der Einrichtung war für Dienstag, den 31. Juli vorgesehen (ihr erinnert euch: Dienstag = Markttag), an dem alle Eltern oder sonstigen zuständigen Angehörigen kommen und ihre Kinder nach Hause bringen sollten. Entsprechend fand am Vorabend eine Abschlussfeier statt – für die Kinder, die Mitarbeiter*innen und vor allem mich, der ich ja meine drei Terms im Projekt beendet habe und in den Ferien nach Deutschland zurückkehren werde. Dafür wurde am Vorabend extra eine Ziege geschlachtet; eine große Ehre in Kenia, die mich insbesondere aufgrund der Größe des geschlachteten Geißbocks wirklich berührt hat. – Okay, das klingt irgendwie falsch, auch wenn dies eine kleine Ziege gewesen wäre, hätte ich mich sehr geehrt gefühlt. Doch die wirkliche Überraschung war nicht die Ziege, sondern dass Sister gegen Ende der Feier verkündete, dass, um zu große Rückschritte der Kinder zu vermeiden, all jene, die in therapeutischer Behandlung sind, am nächsten Morgen gar nicht nach Hause gehen, sondern dort nur die letzte der fünf Ferienwochen verbringen würden.

Ups, das kam unerwartet! Und als dies bekannt gegeben wurde, wäre mir fast der Mund offen stehen geblieben, änderte dies doch einfach noch einmal alles. Denn auf einmal galt nicht mehr, dass das Projekt am nächsten Morgen leer und meine Arbeit vorbei sein würde; ganz im Gegenteil: Da 18 der 29 Kinder nun da bleiben, gleichzeitig allerdings die eine Hälfte der Mitarbeiter die ersten und die andere die letzten zwei Wochen frei haben, ist theoretisch sogar noch wesentlich mehr zu tun, sodass ich dafür wohl nun eine gute Mischung aus Urlaub / ein letztes Mal Reisen und Mithelfen finden muss. Ebenso bedeutete es, dass ich mich am nächsten Morgen wohl nur von einem Teil der Kinder verabschieden würde, während ich den Großteil erst drei Wochen später zusammen mit Kithyoko verlassen werde.

Doch zunächst einmal stand ich vor dem akuten Problem, was ich nun mit den ganzen kleinen Abschlussgeschenken anstellen sollte, die ich für jedes Kind vorbereitet hatte und diesen eigentlich am nächsten Tag mit ihren Eltern überreichen wollte. Denn hätte ich diese nur den Kindern gegeben, wären die meisten Fotos vermutlich einfach innerhalb kürzester Zeit verschwunden; am Ende habe ich mich dann dazu entschieden, sie jeweils den Eltern mitzugeben, die nämlich trotzdem nahezu alle kamen und z.T. auch erst dort erfuhren, dass sie gar nicht mit ihren Kindern zusammen nach Hause zurückkehren würden; in der Hoffnung, dass diese die Sachen aufbewahren und an die Kinder weitergeben werden.

Kyalo, Kithae, Bonface, Ich, Mbiti und Steve -> bald werde ich sie nicht mehr sehen Die Abschlussfeier vom nicht so richtigen Abschluss Am Tag zuvor wurde eine Ziege geschlachtet (nicht von mir!) ... ich hoffe, das findet ihr nicht zu makaber

 

Alles in allem war dieser Monat einfach extrem überraschend, merkwürdig und in vielerlei Hinsicht anstrengend und hat mein Leben in Kenia und den anstehenden Abschied von diesem völlig umgekrempelt und alle Vorstellungen umgeworfen. Als ich begonnen habe, diesen Beitrag zu verfassen und mir aufgefallen ist, dass der Monat mit dem Ende des Endterm-Camps begann, habe ich zunächst ungläubig in meinen Kalender gestarrt, so unwirklich erschien mir, dass dies alles nur rund vier Wochen her ist.

Abschließen möchte ich den Blogeintrag nun allerdings mit einem etwas schöneren Ereignis: Einen Tag nach meinem Umzug habe ich mich für ein verlängertes Wochenende nach Naivasha begeben, einer Stadt rund 75 km nördlich von Nairobi. Dort habe ich zunächst mit Lena, einer im Januar angekommenen deutschen Freiwilligen, den Hell‘s Gate Nationalpark besucht, der sich durch eine beeindruckende Savannenlandschaft mit schroffen Felswänden, Zebras, Giraffen, Büffel etc. und der Möglichkeit, das Ganze mit dem Fahrrad zu erkunden, auszeichnet. Am anderen Ende des Parks gibt es außerdem noch eine Schlucht, die man in der Trockenzeit gut besichtigen kann. Der Ausflug hat auf jeden Fall Spaß gemacht und sich gelohnt; auch wenn er nicht an die euphorischen Beschreibungen der Ngong-Freiwilligen heranreichte, die das Ganze gleich zu Beginn ihres Aufenthalts in Kenia gemacht hatten. Aber im letzten Jahr habe ich einfach so viele beeindruckende Landschaften und Zebras in der Savanne gesehen, dass mich diese Fahrradsafari wohl einfach nicht mehr vom Hocker hauen konnte.

Apropos Ngong-Freiwillige. Am Nachmittag stießen dann noch Clara und Alissa zu uns, und gemeinsam haben wir eine Wanderung auf den ebenfalls in der Nähe liegenden Mt. Longonot unternommen. Dazu sind wir morgens früh aufgebrochen, da in der derzeitigen Jahreszeit gerade im Laufe des Tages der Vulkan immer mehr in Wolken gehüllt ist und wir logischerweise die Sicht auf die umliegende Ebene genießen wollten. Zunächst ging es hoch bis zum Kraterrand, von dem man auf der einen Seite in das steil abfallende, kreisrunde und von dichtem Buschwald bedeckte Kraterinnere schauen konnte, während einem auf der anderen, nicht ganz so steil abfallenden Seite ein grandioser Blick bis Naivasha und den gleichnamigen, riesigen See sowie auf den am Vortag besuchten Nationalpark bot – zumindest wenn gerade keine Wolken die Sicht versperrten, denn während des gesamten Ausflugs war man mal in den Wolken, mal klarte es auf.

Der Höhepunkt der Wanderung war die anschließende, etwas anspruchsvollere Umrundung des Vulkans samt Erklimmen des auf 2770 m liegenden Gipfels. Am frühen Nachmittag waren wir dann wieder zurück in Naivasha, und das war auch gut so, da meine Rückfahrt über Thika relativ lang war und ich dort so gerade noch den vermutlich letzten Bus nach Kithyoko bekam; 10 Minuten später und ich wäre an dem Tag wohl gar nicht mehr oder nur noch für viel Geld nach Hause gekommen. Aber es ist ja noch einmal alles gut gegangen und so fand ein durch und durch gelungener Ausflug noch sein gutes Ende.

Der Hell's Gate Nationalpark bei Naivasha Mal wieder alles voller Zebras

Vor der Bergbesteigung bestaunten wir schon einen Graben am Fuße des Vulkans Der wohl anspruchvollste Teil der Strecke Oben angekommen hat man einen tollen Blick in den Krater hinein Links: Kraterinnere; Mitte: Kraterrand + Weg; rechts: Ebene

 

Und damit möchte ich nun auch den wohl vorletzten Bericht auf meinem Blog beenden. Wie immer bedanke ich mich ganz herzlich bei allen, die diesen Blog stets verfolgen und durch Kommentare bereichern, und auch wenn ich wirklich nicht weiß, was nach meiner Rückkehr auf mich zukommen und wie es weitergehen wird, so freue ich mich auf jeden Fall schon sehr darauf, die meisten von euch in wenigen Wochen wiederzusehen!

Also bis dann

Ole

Kirche und Ökumene in Kenia (Gemeindebrief-Artikel)

Montag, 23.07.2018

Da die evangelische Kirchengemeinde Hennef meinen Freiwilligendienst mit einer großzügigen Spende unterstützt und mich angefragt hat, ob ich für den viermal jährlich erscheinenden Gemeindebrief ein wenig aus und über Kenia berichten könne, habe ich dazu mittlerweile drei Artikel beigetragen. In den ersten beiden habe ich in erster Linie über Dinge berichtet, die zuvor schon im Blog Erwähnung fanden, doch der letzte Bericht behandelt nochmal ein neues Thema, das einige ja vielleicht noch interessant finden, die den Gemeindebrief nicht lesen. Von daher dachte ich mir, warum lade ich diesen eigentlich nicht einfach hoch; also viel Spaß beim Lesen!

 

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Kirchenvielfalt = Konflikte ? – Kenia als Beispiel

In Deutschland - und dem Großteil Europas - spielen Konflikte zwischen den Konfessionen spätestens seit Luthers Reformation vor 500 Jahren eine große Rolle in der Geschichte, die ihren Gipfel im Dreißigjährigen Krieg fand; aber bis heute schwelen viele dieser Konflikte und werden nur langsam durch ökumenische Bewegungen abgebaut. Doch wie sieht es in anderen Ländern aus, in Ländern, in denen das Christentum noch relativ jung ist? Kenia ist ein solches Land, und nahezu prädestiniert für einen Vergleich:

Es ist morgens früh, 6:30 Uhr, an einem beliebigen Wochentag. Die Priester und Brüder der katholischen Kirche Kithyokos, mit denen ich zusammen lebe, finden sich zur morgendlichen Messe zusammen. Nur wenige Stunden zuvor war der lautstarke Gottesdienst einer Pfingstkirche in der Nachbarschaft zu Ende gegangen, der von den frühen Abendstunden an das halbe Dorf beschallt hatte. Und auch wenn die katholische Kirche in Bezug auf Lautstärke wie eigentlich auf die meisten Dinge die gemäßigste, europäischste Kirche in Kenia ist, so würde sich jemand aus Deutschland zunächst wohl immer noch verwundert die Augen reiben und Ohren zuhalten. Gerade Sonntags vormittags, wenn dieser „Lautstärkewettbewerb“ von zig Kirchen gleichzeitig seinen Höhepunkt erreicht, bildet sich eine ziemlich merkwürdige und alles andere als wohlklingende Geräuschkulisse in dem nur wenige Tausend Einwohner großen Ort. Nun könnte man dies für eine Art Wettbewerb, ein Buhlen um die Gläubigen, halten, ganz nach dem Motto „Der lauteste kriegt die meiste Aufmerksamkeit und hat immer Recht“; doch tatsächlich hängt dies vielmehr mit der Weise, in der die meisten Gottesdienste in Kenia gefeiert werden, zusammen: Laut, euphorisch, ausgelassen – eben wie eine wöchentlich stattfindende Feier. Und wenn die Lautstärke, das Auftreten etc. oder gar die reine Anwesenheit einer anderen Kirche jemanden stören sollte, so würde das niemals gesagt, zumindest nicht offen; stattdessen lässt man die anderen einfach gewähren und toleriert ihr Dasein, wie bei fast allem in Kenia.

Ca. 85 % der Bevölkerung Kenias sind Christen, rund ein Viertel davon gehört der römisch-katholischen Kirche an, womit diese die größte Einzelkirche Kenias ist. Über die Hälfte der kenianischen Christen ist aber in einer protestantischen Kirche, z.T. in größeren, (inter-) nationalen Verbänden wie der Anglican, Presbyterian, Pentecostal, African Inland oder auch Lutheran Church, häufig sind sie aber auch Mitglieder kleiner Freikirchen, von denen immer wieder neue entstehen (oft zerwirft sich ein Pastor mit seiner Kirche und gründet seine eigene) und die immer weiter expandieren, sodass sich mancherorts gefühlt hinter jedem zweiten Gebäude eine Kirche verbirgt. Da dies immer weiter auszuufern und niemand mehr den Überblick über die ganzen Kirchen zu haben scheint, dürfen seit einigen Jahren Neugründungen gar nicht mehr Kirche, sondern nur noch Mission genannt werden.

Noch einmal die katholische Kirche in Kithyoko von außen ... ... und von innen

Die Kirche spielt in der Gesellschaft zumeist eine ziemlich wichtige Rolle, was in Anbetracht der oft eher kleinen Zahl Gemeindemitglieder nicht wirklich verwundert. Der sonntägliche Kirchgang ist gerade für Frauen und Kinder fast Pflicht und völlig normal; Männer sieht man meist vergleichsweise wenige in der Kirche. Doch auch in der Woche ist die Kirche häufig Bestandteil des alltäglichen Lebens: Ob Engagement in Chor oder Gebetsgruppen, Teilnahme an kirchlichen Feiern wie Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen etc. anderer Gemeindemitglieder oder der Besuch der Kinder in der kircheneigenen Grund- und Sonnstagsschule – vieles geschieht in der Gemeinde. Böse Zungen sprechen da häufig schon von mittelalterlichen Verhältnissen, weil neben dem Ansehen der Kirche auch das der Priester und Pastoren in der Gesellschaft nicht allzu gering ist und allgemein sehr viel Geld in die Gemeinde fließt – zu Kollekte und weiteren Sammelaktionen kommt auch die Kirchensteuer, die, wie in der Bibel geschrieben, zumeist 10% des Einkommens beträgt.

Trotz dieses relativ großen Wohlstandes, der gerade von großen Gemeinden ausgeht, scheinen die verschiedenen Kirchen ziemlich friedlich nebeneinander zu existieren und nicht ständig zu konkurrieren. Natürlich gehören hin und wieder mal etwas abwertende Kommentare über andere Kirchen im persönlichen Gespräch dazu – gerade Mitglieder der katholischen Kirche schauen schon mal gerne etwas überheblich auf die protestantischen Freikirchen herab; doch im Großen und Ganzen scheint die Gesellschaft nicht wirklich in die verschiedenen Gemeinden gespalten zu sein, obwohl die Kirche ein so wichtiger Bestandteil des Lebens ist (wichtig ist denn meisten weniger in welche, sondern dass man in die Kirche geht). Gleichzeitig ist es aufgrund dessen aber schon so, dass man mit den Mitgliedern derselben Kirche am meisten zu tun hat und auch der Freundeskreis der Kinder ein Stück weit dadurch beeinflusst wird – schließlich sind die Eltern der Klassenkameraden oder Nachbarn meist in derselben Gemeinde.

Alles in allem kann man abschließend sagen, dass in Kenia in Bezug auf die Religion zumindest im Christentum eine sehr große Toleranz herrscht, was bestimmt auch mit der Vielzahl der verschiedensten Kirchen zu tun hat, gleichzeitig die Gemeinde aber eine so wichtige Rolle spielt, dass sich vieles im Leben häufig vor allem in der eigenen abspielt.
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Ich hoffe, ihr fandet diesen kurzen (verglichen mit der „normalen“ Länge meiner Blogeinträge schon nahezu winzigen) Einblick in die Kirchenwelt Kenias ganz interessant, und das „Bericht-Recycling“ hat sich gelohnt. Und ebenso, wie ich im Gemeindebrief auf meinen Blog hingewiesen habe, will ich hier am Ende noch meine Kirchengemeinde verlinken, also wer auf der Website einmal vorbeischauen oder sich die letzten Gemeindebriefe ansehen mag – hier geht’s lang: http://evangelisch-in-hennef.de/kurier/http:/http://evangelisch-in-hennef.de/kurier//evangelisch-in-hennef.de/kurier/.
Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: „Asante sana na kwaheri!“

Juni: Reise in den Norden und Endterm-Camp

Samstag, 30.06.2018

Bevor es losgeht noch zwei Hinweise: Dieser Blogeintrag ist mir ziemlich ausgeartet und viel, viel länger geworden, als ich gedacht und geplant hatte. Von daher würde ich niemandem empfehlen, das alles an einem Stück zu lesen. Zum anderen habe ich den Bericht auf die innige Bitte eines Freundes hin auch eingesprochen und aufgenommen, wer sich das Ganze also lieber als Audiodatei anhören möchte, kann mich einfach privat anschreiben, z.B. übers Kontaktformular; ansonsten gehe ich mal davon aus, dass ihr sowieso alle meine Kontaktdaten habt…. Aber genug davon; jetzt geht’s los!

 

Salamaleico (okay, diese Begrüßung ist ganz sicher falsch geschrieben und eigentlich arabisch, aber im Norden Kenias haben wir sie relativ häufig gehört),

leider bin ich in der letzten Zeit gar nicht dazu gekommen, etwas zu schreiben; von daher kommt auch dieser Eintrag etwas später als geplant und gewohnt. Darum möchte ich um Nachsicht bitten - wobei ehrlich gesagt, wäre das wohl sowieso niemandem aufgefallen, oder? Aber wie dem auch sei, auf jeden Fall gibt es wieder einiges zu berichten, sodass ich mich gar nicht lange mit einer ewigen und langweiligen Einleitung aufhalten will, sondern einfach direkt beginne.

Wie ich im letzten Blogeintrag am Ende schon kurz erwähnt hatte, begann mein Juni mit dem Midterm-Break im Projekt, in dem für eine Woche alle (bzw. in diesem Fall nur fast alle) Kinder nach Hause fahren und somit für einen Freiwilligen nicht allzu viel Arbeit zu erledigen ist. Von daher hatte ich beschlossen, die Zeit lieber für eine weitere Reise durch dieses so interessante und vielfältige Land zu nutzen. Dazu hatte es sich super angeboten, dass Silas, ein Mitfreiwilliger von mir, den ich im November in Migori besucht hatte und der nun aufgrund eines Projektwechsels in Kericho lebt, gleich zu Beginn meiner Ferien  „sturmfrei“ hatte, da seine Gastfamilie übers Wochenende nicht zu Hause war und ihm den Auftrag gab, eine Hausparty zu veranstalten. Dort traf ich dann neben Silas und rund 20 kenianischen Studenten aus Kericho auch die drei Freiwilligen aus Ngong sowie drei weitere Freiwillige, mit denen ich vorher noch nichts zu tun hatte.

Die Party war ganz cool und auf jeden Fall etwas sehr Außergewöhnliches für Kenia, auch wenn ich von der zehnstündigen Fahrt nach Kericho (möglicherweise habe ich mich etwas blöd angestellt, weil ich einen Umweg über Nairobi gemacht habe) sowie dem völlig anderen Klima dort ziemlich erschöpft war, zumal ich ja auch gerade erst aus einer anstrengenden Arbeitswoche kam. Am nächsten Morgen sind die anderen Freiwilligen alle wieder ab- bzw. weitergereist, sodass ab dem Nachmittag Silas und ich alleine zurückblieben, was wir dafür genutzt haben, dass er mir ein wenig genauer die Umgebung zeigen konnte. Und dies war wirklich interessant zu sehen, weil die Landschaft um Kericho herum nahezu vollständig aus riesigen Teeplantagen besteht, die größtenteils noch ein Relikt aus Kolonialzeiten sind.

Diese Teefelder von schier unendlicher Größe werden nahezu vollständig von Einzelpersonen oder Unternehmen besessen und verfügen jeweils über eigene Arbeitersiedlungen, so genannte Tea Estates. In diesen leben die Angestellten in kleinen Häusern, während sie tagsüber irgendwo auf der riesigen Plantage zumeist Tee pflücken. Einzig unterbrochen wird diese Landschaft aus Teepflanzen, Tea Estates und Baumplantagen nur von vereinzelten Tea factories und eben Kericho, einer eher großen Stadt nordwestlich von Nairobi, die auch als  „Oase in der Teewüste“ bezeichnet wird.

Anschließend haben wir den Abend mit Silas‘ Gastfamilie verbracht, die wieder zurückgekommen war, und dort habe ich auch glaube ich erstmals wirklich realisiert, wie cool es eigentlich sein kann, in einer richtigen Gastfamilie zu leben und Beziehungen zu den Gastgeschwistern und -eltern aufzubauen; denn das Parish, in dem ich lebe, würde ich nicht so wirklich als Familie bezeichnen, dafür ist das Ganze viel zu unpersönlich und meine Mitbewohner gehen viel zu sehr ausschließlich ihren eigenen Angelegenheiten nach. Aber ich habe mich auch mit meiner Situation abgefunden und versuche vielmehr, die Vorteile dieser zu genießen, als den Beispielen anderer nachzutrauern - auch wenn es seit mittlerweile fast zwei Monaten etwas unschöner geworden ist, weil wir im Parish mittlerweile zu viele Leute sind und ich mir deshalb seit dem mit Brother Phillip (s)ein Zimmer teilen muss. Wobei ich mit dem  „Zimmerteilen“ erst einmal kein so großes Problem habe, aber Phillip wäre freundlich gesagt so gar nicht ein Mensch, den ich mir als Mitbewohner aussuchen würde.

Doch wieder zurück zum Urlaub: Am nächsten Tag sind Silas und ich frühmorgens gegen 06.20 Uhr (also vor Sonnenaufgang) aufgebrochen, um eine lange und ausgesprochen eindrucksvolle Reise zu beginnen. Schon seit längerem habe ich mit dem Gedanken gespielt, einmal in den Norden Kenias zu reisen, da er sich wohl sehr vom Rest des Landes unterscheiden und somit eine großartige Erfahrung darstellen soll – was soweit auch nicht zu bestreiten ist. Gleichzeitig hatten Silas und ich uns recht schwer mit der Entscheidung getan, ob wir diese Reise wirklich machen sollten, da der Norden, ein ausgesprochen riesiges Gebiet, allgemeinhin als weniger sicher als der Süden gilt. Auch der ICYE Kenya schien nicht wirklich angetan von der Idee, dass wir dort hinfahren wollten, sodass wir lange hin und her überlegt und uns viel über die Situation informiert haben. Am Ende haben wir aber auch mit einigen Leuten gesprochen, die dort schon waren, und mit einem Freund von Silas, der sogar aus der Region kommt, in die wir fahren wollten, sodass wir uns schlussendlich doch dazu entschieden haben, dies zu tun.

Von Kericho aus ging es nun also zunächst einmal nach Isiolo, einer Stadt 250 km nördlich von Nairobi. Isiolo wird allgemein als  „letzter Außenposten der Zivilisation” bezeichnet, als der Ort, wo die nomadisch lebenden Bewohner aus dem Norden des Landes und die restliche Bevölkerung aus dem Süden zusammenkommen und beide Welten aufeinandertreffen. Wobei zugegeben auf uns Isiolo eher wie eine normale, ziemlich unattraktive kenianische Stadt wirkte, einzig mit der Besonderheit, das dort wesentlich mehr Kuschiten leben (ein Oberbegriff für Angehörige bestimmter Ethnien mit einer afroarabischen Sprache; die meisten Kuschiten leben am Horn von Afrika, und in Kenia sind die Somalis die bekannteste und größte kuschitische Ethnie), die gefühlt etwas arabischer aussehen als die meisten Kenianer, und zudem größtenteils muslimisch sind, wodurch sich gerade weil Ramadan war, die Kleidung doch deutlich unterschied.

Schon der Weg nach Isiolo war sehr interessant, einerseits weil die Straße durch eine sehr schöne und abwechslungsreiche Landschaft führte. Von Kericho nach Nakuru durchs Rift Valley, anschließend durchs zentrale Hochland und zum Schluss durch die eher trockene, flache Laikipia Ebene. Irgendwann auf dem Weg kamen wir an einer Straßensperre vorbei, an der offensichtlich militante Kenianer gerade mit Motorrädern vor der Polizei flohen, was ein merkwürdiges und etwas beängstigendes Schauspiel war, insbesondere weil die ersten drei Polizisten mit Schlagstock und Pistole bewaffnet hinter den Motorrädern herliefen; was die meisten Mitreisenden in unserem Matatu allerdings gar nicht zu interessieren schien. Und dies alles passierte schon im zivilisierten und sicheren Süden Kenias – na dann könnte der Norden ja noch lustig werden!

Im Anschluss daran haben wir uns noch informiert, woran das Ganze gelegen haben könnte, und herausgefunden, dass Laikipia County tatsächlich so einige Probleme und Konflikte beherbergt, was in erster Linie mit den gravierenden sozialen und kulturellen Unterschieden zusammenhängt: Als Relikt aus Kolonialzeiten gehören über 50% des ziemlich großen Countys gerade mal einem Dutzend Privatpersonen und Unternehmen, die auf riesigen Ranches v.a. Rinder züchten und private Nationalparks betreiben. Gleichzeitig kommen deren Mitarbeiter sowie die größtenteils kleinbäuerliche Bevölkerung aus verschiedensten Ethnien, wodurch leider häufig Konflikte vorprogrammiert sind. Und zu guter Letzt leben die meisten Einwohner im Norden des Landes nomadisch und akzeptieren demnach so etwas wie Landbesitz und Grenzen nicht so recht, was insbesondere in Dürrezeiten, wo etliche Nomaden zum Durchbringen ihres Viehs die privaten Ranches als Weidefläche nutzen und somit die Sicherheitslage der Region noch weiter verschlechtern, zu einem Problem wird. Und da ist es nicht gerade hilfreich, wenn einige Politiker offenbar durch die Unterstützung von Anschlägen auf Ranches versuchen, am Ende in den Besitz dieser zu gelangen – ein Parlamentarier ist zumindest deswegen angeklagt worden. Aber das soll es nun auch zur politischen Lage dieser Region gewesen sein, schließlich ging unsere Reise ja nicht mal dorthin.

Da die Fahrt nach Isiolo schon zehn Stunden in Anspruch genommen hatte und wir nur sehr ungerne im Dunkeln in einer uns unbekannten Stadt ankommen wollten, haben wir die erste Nacht dort verbracht, in einem etwas merkwürdigen, pink angestrichenen Guesthouse, bei dem wir uns bis zum Schluss nicht ganz sicher waren, ob es sich dabei um ein normales Guesthouse handelte, dessen Besitzer einen interessanten Farbgeschmack haben, oder um ein Etablissement, das noch einen weiteren Geschäftsbereich abdeckt. Allerdings wir haben in der Nacht gut geschlafen und wenig bezahlt, und das ist doch das Wichtigste bei einer Unterkunft, oder?

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Am darauffolgenden Tag ging es dann endlich in den Norden Kenias, und zwar von Isiolo aus mit dem Matatu, einem sehr angenehmen und luxuriösen 11-Pass-Shuttle, nach Marsabit. Was vor einigen Jahren noch eine grauenvolle, ungemütliche und viele Stunden in Anspruch nehmende Fahrt gewesen sein muss, ist mittlerweile zu einer der angenehmsten und schönsten Strecken Kenias geworden, denn im letztem Jahr ist ein Highway von Isiolo bis nach Moyale an der äthiopischen Grenze fertiggestellt worden, finanziert von etlichen Entwicklungsbanken, gebaut von einem chinesischen Staatskonzern! Mit durchgehend 80 km/h ging es also über eine wunderschöne, sehr glatte und nur ausgesprochen wenig befahrene Straße (wir haben rund 15 Autos pro Stunde gezählt) drei Stunden lang nach Norden, und Silas und ich haben die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut und die Gegend bestaunt. Das Ganze erinnerte schon fast an eine Zugfahrt, so entspannt und gleichmäßig ist die Landschaft an uns vorbei gezogen.

Sowieso war es ganz interessant zu sehen, wie schon kurz nach Isiolo die grüne, bergige Landschaft des zentralen Hochlandes endete, und durch eine unendliche, flache und immer trockener werdende Ebene ersetzt wurde: Statt ständiger Marktzentren und Siedlungen passierte man auf einmal nur noch sehr vereinzelte Dörfer, dafür sah man immer wieder große Viehherden, die von den größtenteils nomadisch oder halbnomadisch lebenden Bevölkerungsgruppen des Nordens Kenias durch die trockene Landschaft getrieben wurden. Kurz bevor wir unser Ziel erreichen, änderten sich die Gegend dann auf einmal wieder drastisch: Statt weiter durch die trockene, eintönige Ebene zu fahren, stieg die Straße wieder stetig an. Und mit der Höhe nahmen dann auch Vegetation und Grüne wieder zu:

Aus vertrocknetem Gras wurde nach und nach eine Savannenlandschaft, und mit der Zeit wurden die Bäume immer zahlreicher und grüner. Bis irgendwann auf der rechten Seite der Marsabit Nationalpark mit seinen dschungelartigen Wäldern auftauchte. Der Nationalpark bedeckt den Großteil der Marsabit Hills, vor allem die fruchtbarsten Gebiete, was wohl zu Konflikten mit der dort ansässigen Bevölkerung führt, da diese nämlich, anders als im Rest Nordkenias, sesshaft ist und von der Landwirtschaft lebt. Gleichzeitig muss man allerdings auch sehen, dass, obwohl die Region zumindest am Ende der Regenzeit, als wir dort waren, ausgesprochen grün war, selbst die Gegend um Marsabit ein Wasserproblem hat. Und die bewaldeten Berge wohl der einzige Grund sind, dass diese Region überhaupt so grün und fruchtbar ist und Landwirtschaft betrieben werden kann.

Da die Fahrt selber nur rund 4 Stunden in Anspruch nahm, waren wir schon gegen Mittag in Marsabit, wo wir zunächst eine ganze Weile auf der Suche nach einem billigen Guesthouse durch die Stadt geirrt sind. Denn auch wenn es diese Unterkünfte eigentlich überall in Kenia gibt, ist es nicht ganz einfach, sie zu finden, wenn jeder, den man fragt, davon ausgeht, dass man viel Geld und hohe Ansprüche hat, selbst wenn man fünf Mal sagt, dass man eine SEHR billige Unterkunft sucht – und der Unterschied zwischen 300 und 1500 ksh pro Person ist nun wahrlich gewaltig. Doch nach einiger Zeit haben wir nicht nur die Stadt kennen und lieben gelernt, sondern auch ein Guesthouse gefunden, das unseren Vorstellungen entsprach (also sehr billig und mit Latrine und Eimerdusche), sodass wir noch den Nachmittag Zeit hatten, uns etwas umzusehen und die weitere Reise zu planen.

Dabei ist uns klar geworden, in was für einem Kontrast dieser Ort, der gewissermaßen eine Art Hauptstadt eines großen Teiles von Nordkenia darstellt, steht verglichen mit dem, was die meisten Kenianer aus dem Süden über diese Region sagen; offensichtlich gibt es auch innerhalb Kenias riesige Vorurteile, und das Wissen über diese Gegend scheint größtenteils auf  „trocken=Wüste=arm”,  „Nomaden=unzivilisiert=gefährlich” und  „Kuschiten=Somalis=Terror” beschränkt zu sein. Und dann wanderten wir ein wenig durch Marsabit und waren fast enttäuscht, dass die Landschaft so grün war, dass wir uns auch in Westkenia hätten befinden können, und insgesamt viel mehr Straßen geteert waren, als wir es aus anderen kenianischen Städten ähnlicher Größe gewohnt waren.

Ich glaube, ich habe noch nie eine so ruhige, angenehme, saubere und moderne Kleinstadt in Kenia gesehen wie Marsabit. Auch fühlten wir uns sehr sicher dort, und die Erwartung / Befürchtung, an einen wirklich unzivilisierten und eher unsicheren Ort zu kommen, entsprach offensichtlich gar der Wahrheit. Was diesen Ort außerdem noch so angenehm machte, war der Fakt, dass aufgrund fehlender Routen, Straßen und Reisender das Stadtzentrum nicht, wie sonst üblich, voll von Matatus war (außer nach Isiolo im Süden und Moyale im Norden fährt da halt nichts) und die meisten Leute etwas entspannter schienen; auch waren wir positiv überrascht, wie vergleichsweise wenig Mzungu-Rufe bei unserem Auftauchen durch die Straßen schallten. In der restlichen Zeit des Tages haben wir also einen schönen Spaziergang auf einen der Hügel Marsabits unternommen, auf dem offensichtlich die gesamte Verwaltung der Provinz mit Häusern der reichen Bevölkerung Marsabits und Vertretungen etlicher Hilfsorganisationen waren. Außerdem haben wir uns informiert, wie wir denn von Marsabit aus weiter kommen würden, denn unser eigentliches Ziel hatten wir noch nicht erreicht: Loiyangalani im Südwesten des Turkanasees.

Auf in den Norden! Wie im Zug rauschte die Landschaft vorbei ... Wie sieht es hier wohl in der Trockenzeit aus...! Dann fährt man schon extra bis Marsabit, und es sieht aus wie Kisumu County! Marsabit: Unzivilisiert und unsicher #ICYEKenya Wer Heuschrecken isst, ist hier richtig

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Die rund 300 Kilometer lange Strecke von Marsabit nach Loiyangalani führt über eine nicht geteerte und sich streckenweise in ziemlich schlechtem Zustand befindende Straße durch ein sehr dünn bis gar nicht besiedeltes Gebiet, unter anderem auch durch die Chalbi Desert, die einzige echte Wüste Kenias. Von daher gibt es dorthin auch nicht so etwas wie einen normalen Matatu-Verkehr. Stattdessen gibt es zwei Busse, die mehrmals in der Woche fahren, und wie der Zufall es wohl wollte, machte sich direkt am nächsten Tag ein Bus auf die zwölfstündige Fahrt nach Loiyangalani – wie praktisch! ... Dachten wir zumindest, bis wir erfahren haben, dass der Bus nicht, wie wir es erwartet und für sinnvoll erachtet hätten, am frühen Morgen oder späten Abend starten und somit im Hellen ankommen würde, sondern die Abfahrt für mittags um 12 geplant war.

Pünktlich um halb 1 (wir hatten vorher schon mit dem Fahrer gesprochen und herausgefunden, dass die Abfahrtszeit eher kenianisch zu interpretieren sein) haben wir uns also beim Bus eingefunden, nur um herauszufinden, dass sich die Abfahrt wohl noch deutlich verzögern würde. Grund dafür war, dass überall um den Bus herum unfassbare Massen an Gepäck und anderen Sachen lagen, die offensichtlich mitgenommen werden sollten, und das Beladen des Busses wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Wobei die Fracht tatsächlich weniger das Gepäck der Mitreisenden, als vielmehr Versorgungsgüter für die auf der Strecke liegenden Dörfer war. So wurden z.B . Tonnen an Wasser- und Sodaflaschen, unzählige Säcke mit Lebensmitteln (vermutlich Maismehl, Zucker, Bohnen, Maiskörner...), Milch und Kochgas mitgenommen.

Auch wenn es sich bei dem Bus um einen ziemlich großen Countrybus mit 5 Sitzen pro Reihe handelte, der wohl aus gutem Grund so alt, klapprig und hoch gelegen war (ich glaube ich habe in Kenia nur selten ein so verkehrsuntaugliches Fahrzeug gesehen) war der Bus am Ende völlig überfüllt. Denn zu den unzähligen Tonnen am Fracht, die unten in den Gepäckfächern, auf dem Dach und im Innenraum verstaut wurden, wo unter anderem den ganzen Gang durch jeweils drei bis vier Säcke aufeinander gestapelt waren, kamen auch noch etliche Fahrgäste. Dies hing damit zusammen, dass in Marsabit offensichtlich irgendein Turnier stattgefunden hatte, zu dem Schüler aus der gesamten, ausgesprochen riesigen und dünn besiedelten Umgebung gekommen waren, und einige Dutzend davon haben sich mit unserem Bus auf den Rückweg gemacht. Somit war die Busfahrt schon als wir in einer extremen Ausführung kenianischer Zeit um 15:30 Uhr nachmittags loskamen, ziemlich abenteuerlich, weil sich auf dem Gang neben uns nicht nur riesige Säcke einen halben Meter hoch stapelten, sondern auf diesen auch noch einige Schüler saßen, da alle sonstigen Sitzplätze besetzt waren.

Völlig überladen ging es nun also am Nachmittag los, zunächst ein kleines Stück auf der Teerstraße nach Süden, aber nach kurzer Zeit war damit auch Schluss, weil wir uns dann ins Landesinnere nach Kargi und Loiyangalani begeben haben. Und schon das erste Stück der Fahrt war ausgesprochen interessant, denn die Straße führte steil von den Marsabit Hills nach unten in die trockene, Marsabit über 100 km in jede Richtung umgebende Ebene. Und da auf diesem Teilstück die Straße offensichtlich erst vor kurzem erneuert worden und die weggeschaffte Erde noch am Straßenrand auf Hügeln aufgetürmt war, hatte der Bus z.T. große Probleme, daran überhaupt vorbeizukommen. Einmal musste sogar der Conductor aussteigen und mit einer Schaufel Platz für den Bus schaffen! Der Auftakt unserer zwölfstündigen Fahrt nach Loiyangalani war also schon mal etwas abenteuerlich.

Nachdem wir in der Ebene angekommen waren, fuhren wir weiter auf einer immer schlechter werdenden Straße, nun durch eine trockene Savannenlandschaft, in der uns zwar keine Autos entgegenkamen, dafür sahen wir aber hin und wieder einige Nomaden mit ihrem Vieh. Ein paar Mal ist mitten auf der Strecke im Nirgendwo jemand ein- und wieder ausgestiegen, und wir fragten uns dabei schon manchmal, wo die Leute wohl herkamen und hinwollten, denn uns schien es, als wäre dort wirklich gar nichts... Die ganze Zeit waren übrigens zwei Ranger bei uns im Bus, die, vermutlich vom Busunternehmen selber angestellt, die Fahrt  „sichern” sollten. Denn man darf nicht vergessen, dass das Gebiet so dünn besiedelt ist, dass Banditenüberfälle schon allein dadurch begünstigt werden, auch wenn, wie vorher schon erwähnt, dieser Teil Nordkenias eigentlich ziemlich sicher ist und es in der letzten Zeit nahezu keine Vorfälle mehr gegeben hatte.

Gegen Sonnenuntergang, der leider von Wolken verdeckt war - in Marsabit hatte es am Morgen sogar noch geregnet, was in Kithyoko schon seit einem Monat nicht mehr passiert war; soviel zum Thema der Norden sei so trocken – erreichten wir dann Kargi, ein größeres Dorf mitten in der Wüsten- und Savannenlandschaft, dessen größte Gebäude Kirche und Missionierungszentrum waren und dessen Name eindeutig Programm ist. Dort haben Silas und ich uns wohl zum ersten Mal ernsthaft die Frage gestellt:  „Was machen die Leute hier eigentlich den ganzen Tag?” Weil Landwirtschaft zu betreiben, ist unmöglich, dafür ist die Gegend zu trocken, und dass die Bewohner alle vom Vieh leben, das in der Nähe durch die Landschaft getrieben wird, konnten wir uns auch nur schwer vorstellen. Nach einem kurzen Zwischenstopp, in der unser Fahrer in der Moschee beten war, ging es dann weiter, nun im Dunkeln, sodass wir von dem uns umgebenden Nichts noch weniger sehen konnten.

Und während die Straße zunehmend sandiger wurde, wodurch der Bus in erster Linie gleichmäßiger und schneller fahren konnte, auch wenn unser Busfahrer ziemlich mit dem Lenkrad zu kämpfen schien, wurden wir immer müder und hätten eigentlich gerne mal die Augen zugemacht, allerdings kamen in diesem Moment die Schulkinder auf die Idee, den ganzen Bus mit ein wenig Musik unterhalten zu wollen. Nur dass dies leider nicht so ablief, dass alle zusammen ein Lied gesungen haben, sondern es wirkte eher so, als wenn drei verschiedene Gruppen gegeneinander ansangen. Und dies noch kombiniert mit dem Radio, das unser Busfahrer die ganze Zeit laut aufgedreht hatte, war nun endgültig nicht mehr wohl klingend, dafür aber auf Dauer umso belustigender. Außerdem fanden wir, dass es ganz gut zu der Atmosphäre der gesamten Fahrt passte; mit einem völlig überladenen und überfüllten, riesigen Countrybus als einziges Fahrzeug weit und breit auf einer Sandstraße durch die Wüste zu fahren.

Und dann hielten wir auf einmal mitten im Nichts an einer Kreuzung, an der eine Sandstraße von unserer Sandstraße abging, wo abgesehen von einem Boda Boda Fahrer, der dort offensichtlich schon seit etlichen Stunden auf die Ankunft des Busses gewartet hatte, nichts war. Dort stiegen nun einige der Schulkinder aus, weil sie von dort aus mit Motorrädern nach Hause gelangen würden; allerdings mussten wir erst einmal eine halbe Stunde warten, bis besagter Boda boda Fahrer zurückgefahren und mit weiteren Boda bodas angekommen war. In dieser Zeit haben Silas und ich uns einmal ein wenig umgesehen. Wir befanden uns in einer ziemlich trockenen und sandigen Landschaft, in der nur ein paar kleine Sträucher und Akazien wuchsen; wir haben es als eine Mischung aus Halbwüste und Savanne bezeichnet.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen die Motorräder an, sodass auch wir weiterfahren konnten. Nun war auf einmal Stille im Bus eingekehrt und beim gleichmäßigen, lauten Brummen des Busses, der sich offensichtlich mit einiger Mühe durch den Sand quälte, fing ich langsam an, einzudösen. Bis der Bus auf einmal – die Strecke war mittlerweile wieder etwas steiniger und unangenehmer zu fahren geworden – hielt, und zwar an einer größtenteils aus Wellblech und Zelten bestehenden Siedlung, wo erneut einige Schulkinder ausstiegen. In der nächsten Stunde wiederholte sich dies mehrere Male – offensichtlich war die Region doch besiedelter als wir erwartet hatten, insbesondere in Anbetracht der Unwirtlichkeit des Lebensraumes – bis wir das letzte Mal einen längeren Stopp an einer größeren Siedlung einlegten. Obwohl es mittlerweile schon nach Mitternacht war, schien das halbe Dorf auf den Beinen zu sein, um den Bus in Empfang zu nehmen. Der Grund dafür war ganz einfach: Der größte Teil der mitgeschleppten Säcke, Gascontainer und Flaschen wurde hier entladen und von den wartenden Einwohnern in Empfang genommen. Denn offensichtlich stellte dieser Bus so etwas wie die Hauptversorgung des Dorfes mit Essen etc. dar. Das Entladen, Identifizieren, Sortieren und Bezahlen der einzelnen Sachen nahm logischerweise ziemlich viel Zeit in Anspruch, und unser Fahrer schien mit der Zeit etwas ungeduldig zu werden. Irgendwann – der Conductor war noch dabei, das Geld einzusammeln – stieg der Fahrer wieder ein, spielte ein wenig mit dem Gas, hupte zweimal und fuhr dann los.

Einerseits glücklich darüber, dass der Conductor nicht mehr im Bus war, weil wir ihn etwas nervig fanden und er gefühlt die Fahrt ständig verzögert hatte, und andererseits etwas verwirrt wegen seiner Abwesenheit, habe ich noch darüber nachgedacht, mit dem Fahrer zu sprechen; aber Silas hat mich davon überzeugt, dass es schon so gewollt sei, dass der Conductor dort bleibt, schließlich sind Zusammenarbeit und Absprache zwischen Conductor und Fahrer die Grundlage jeden öffentlichen Busverkehrs in Kenia. Die nächsten und letzten zwei Stunden Fahrt runter zum Turkanasee und anschließend an diesem entlang waren dann noch einmal etwas unangehmer, weil die Straße immer steiniger und schlechter zu befahren wurde. Und auch wenn es draußen wirklich stockduster war, so habe ich im Scheinwerferlicht des Busses doch erkennen können, wie sich die Landschaft immer weiter von einer sandigen Savanne mit vereinzelten Bäumen und Büschen zu einer nahezu vegetationslosen Steinwüste entwickelte.

Gegen 2:30 Uhr nachts, also nach ungefähr 11 Stunden Fahrt, erreichten wir dann unser Ziel Loiyangalani. Dort stieg nun auch der Rest des Busses aus, und beim Fahrer zeichnete sich nach kurzer Zeit Verwirrung ab, dass sich niemand darum kümmerte, wem welches Gepäck gehört und welche Säcke wann und wo ausgeladen werden müssen. Etwas verzweifelt begann er nach seinem Conductor zu suchen, was an den Gesprächen mit den sonstigen Mitreisenden ( „ako wapi?“ - Where is he?) deutlich zu erkennen war. Tja, unser eigentlich ganz coole, wenn auch auf der Fahrt nach und nach immer bekifftere und von Miraa aufgeputschtere Fahrer ist wohl tatsächlich ohne den Conductor, der, wie wir später heraus fanden, auch noch der Sohn vom Inhaber des Busunternehmens ist, weitergefahren und hat diese in einem kleinen Dorf mitten in der Steinwüste, zwei Fahrtstunden von Loiyangalani entfernt, zurückgelassen. Und weil Schadenfreude ja bekanntlich die größte Freude ist, war dies wohl auch unser absolutes Highlight von einer sowieso schon großartigen Busfahrt.

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Falls ihr euch übrigens fragt, was wir nachts um halb drei ohne Unterkunft in einem kenianischen Dorf gemacht haben: Wie vorher schon abgeklärt, hat uns der Fahrer zu einer billigen Unterkunft direkt neben der Busstation gebracht, wo verwunderlicherweise sogar noch jemand wach war. Dort bezogen wir ein kleines, sehr karg ausgestattetes Banda mit zwei Betten, die wir, wie wir am nächsten Morgen mit Schreck und Jucken feststellen mussten, uns offensichtlich mit einigen Ameisen geteilt hatten. Am nächsten Tag haben wir die Region etwas erkundet. Loiyangalani selber ist ein kleines Dorf mit einer  „Geschäftsstraße”, an der einige, kleine Shops sowie zwei Hotels (kleine Schnellrestaurants) lagen, die beide exakt die gleichen Dinge verkauften und irgendwie zusammen zugehören schienen. Diese Häuser waren typisch kenianisch aus Stein und Beton gebaut und in bunten Farben mit Werbung bemalt. Die meisten Bewohner des Ortszentrums schienen Kuschiten zu sein, und dementsprechend verlassen waren die Straßen am späten Nachmittag, als der Muezzin zum Gebet rief.

Um das Dorfzentrum herum erstreckten sich in alle Richtungen Rundhütten-Siedlungen. Wenn man meinem in Bezug auf den Norden Kenias doch ausgesprochen guten Reiseführer Glauben schenkt, so lebt jeder der traditionell in Loiyangalani lebenden Volksstämme auf einer eigenen Seite des Dorfes, und ungefähr so sah es auch aus. Anders als im kleinen Dorfzentrum waren fast alle Gebäude winzige Rundhütten, die zumeist aus Ästen und Stöcken bestanden, und auf der vielleicht 1,50 m hohen Decke befanden sich Plastikplanen, die wohl als eine Art Dach dienten, um das Innere vor dem sehr selten auftretenden Regen und den in dieser Region ziemlich starken Winden zu schützen.

Dabei liegt Loiyangalani, dessen Einwohnerzahl wir grob auf mehrere Tausend schätzten, nicht, wie man wohl erwarten würde, an einem etwas fruchtbareren und lebensfreundlicheren Ort als die Umgebung. Stattdessen befindet es sich inmitten einer riesigen Steinwüste, in der abgesehen von sehr vereinzelt stehenden, kleinen und trockenen Akazien gar nichts wuchs. Hätte man uns einfach nur ein Bild dieser Region geschickt, hätten wir das ziemlich sicher dem Mond zugeordnet; denn die ganze Region bestand wahrlich nur aus grau-braunen Steinen und wirkte alles andere als irdisch. Wovon diese Leute leben und was Sie den ganzen Tag machen, hat sich uns wirklich nicht erschlossen. Für sich allein sprach allerdings schon der Fakt, dass ausnahmslos alle etwas größeren und moderneren Gebäude der Stadt, abgesehen vielleicht von den beiden teureren Touristenunterkünften, denen es allerdings augenscheinlich an Kunden mangelte, von EU- und sonstigen Fördergeldern finanziert waren, darunter die Verwaltungsgebäude und Schulen.

Neben dieser unglaublichen Mondlandschaft und den tropisch-warmen Temperaturen ist die Hauptattraktion dieser Region ganz eindeutig der Turkanasee, der aufgrund seiner Farbe auch als Jademeer bezeichnet wird und an dessen Ufer Loiyangalani liegt. Mit einer Größe, die das 11-fache des Bodensees beträgt, ist er der größte Wüstensee der Welt. In dieser sowieso schon unwirklichen Landschaft, in der die Hitze der prallen Äquatorsonne von oben wie von unten (von den Steinen) strahlte und die Luft zum Flimmern brachte, erschien das ruhige, türkise Wasser, das sich über den Horizont erstreckte, noch unwirklicher und verlieh dem Ort eine unbeschreibliche Atmosphäre; passte das Ganze doch so gar nicht in das Bild der restlichen Steinwüste.

Tja, und was machen zwei entdeckungsfreudige Freiwillige inmitten dieser Gegend? – Richtig: Ganz unkenianisch durch die Gegend wandern! Am Vormittag des ersten Tages haben wir einen Spaziergang zum Ufer des Turkanasees unternommen, an dem tatsächlich sogar so etwas wie trockenes, struppiges Gras wuchs. Nachdem wir den See also gesehen hatten, verschlug es uns nachmittags in die andere Richtung, also in die Wüste. Dort hatten wir vor, zu einer nahegelegenen Hügelkette zu laufen, um einen besseren Überblick über Loiyangalani und Umgebung zu erhaschen. Nach rund anderthalb Stunden Wanderung, die uns der Hügelkette nur sehr langsam näher brachte, realisierten wir mit einem Blick auf die Uhr, wie sehr wir die Entfernung doch unterschätzt hatten und dass wir, um nicht im Dunkeln über den unangenehm steinigen Untergrund laufen zu müssen, dringend umzukehren hatten.

 

Unser Bus nach Loiyangalani wird beladen Angekommen am Turkanasee Und in die andere Richtung: Steine, Steine, Steine Bei Loiyangalani gab es einzig vereinzelte Palmenansammlungen Der Darf ich vorstellen: Silas und ich auf dem Mond!

 

Anhand dieser Erkenntnis haben wir dann die Tour für den nächsten Tag unter Zuhilfenahme von Reiseführer und Handy geplant. A pro pro Handy: Der wichtigste kenianische Netzanbieter Safaricom hatte in Loiyangalani tatsächlich einen Sendemast, sodass es Empfang und sogar Internet gab, wenn auch nur 2G bzw. E. Da in diese entlegene Region ganz sicher keine Telefonleitung gelegt worden war, musste die Verbindung wohl irgendwie über Funk oder Satellit betrieben werden. Aufgrund der damit verbundenen hohen Kosten wurde das Netz dann konsequenterweise abends ab- und morgens wieder angestellt, was für uns bei der Ankunft mitten in der Nacht für etwas Verwirrung gesorgt hatte, hatten wir doch erwartet, nach der langen Fahrt durch unbesiedeltes Gebiet aus Loiyangalani wenigstens ein Lebenszeichen senden zu können, zumal wir die Hälfte der Fahrt ebenfalls Handynetz hatten.

Aber zurück zum nächsten Tag: Nach Frühstück und Versorgungseinkauf (etliche Liter Wasser sowie Brot und Butter) haben wir uns mit dem Boda boda nach Molo bringen lassen, einem kleinen Dorf, das ausschließlich aus den schon von den Randbezirken Loiyangalanis bekannten Rundhütten besteht. Molo beherbergt den mit nur rund 700 Menschen kleinsten Volksstamm Kenias, die El Molo. Allerdings wollten wir dort nicht das Dorf besichtigen, sofern es dort überhaupt irgendwas groß zu besichtigen gab, sondern vielmehr einfach von dort zurücklaufen. Als wir am Dorf ankamen, kam direkt ein älterer Dorfbewohner auf und zu, denn offensichtlich ist es üblich und die Haupteinnahmequelle des Dorfes, dass die wenigen Touristen, die es dorthin verschlägt, für die Besichtigung zahlen. Da wir allerdings offensichtlich nicht beabsichtigten, uns das Dorf genauer anzusehen, hat er uns nach einem kurzen, freundlichen Gespräch auf Suaheli einfach eine gute Reise gewünscht und wir sind losgezogen.

Rund 5 Stunden brauchten wir für den Rückweg, der, weil wir nicht die Straße nahmen, sondern uns am Seeufer hielten, auch bedeutend länger war als nur die Hinfahrt; insgesamt vermutlich ungefähr 15 km. Auch wenn die Wanderung durch die pralle Sonne und Mittagshitze auf dem unangenehmen Steinboden ziemlich anstrengend war, so hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Denn einfach nur die Stille des Nichts zusammen mit dem Rauschen des Turkanasees und des Windes zu genießen, war einfach großartig. Und das Highlight war auf jeden Fall, dass wir uns nach langem hin und her Überlegen doch dazu durchgerungen haben, einmal schwimmen zu gehen. Da der See ziemlich alkalisch ist, besteht kein Bilharziose-Risiko, stattdessen sind die zahlreichen Krokodile die größte Gefahr für Badende. Aber wie heißt es so schön:  „No risk no fun”, und wir waren aufmerksam und es ist nichts passiert. Der hohe pH-Wert des Turkanasees hat allerdings auch noch einen anderen Nebeneffekt: Irgendwie fühlte sich das Wasser die ganze Zeit etwas merkwürdig an, und wenn man über seinen Arm Strich, hatte man das Gefühl, in einem Seifenbad zu sein. Auch mal interessant!

Und damit war es das dann auch schon mit unserem Aufenthalt in Loiyangalani - am nächsten Morgen machten wir uns wieder auf den langen Rückweg, und zwar mit dem gleichen Bus, mit dem wir hergekommen waren; dieser verweilte sozusagen mit uns in Loiyangalani (der Busfahrer schlief sogar in unserer Unterkunft) und ist glücklicherweise an dem Tag zurück nach Marsabit gefahren, an dem wir ebenfalls wieder dorthin wollten. Ansonsten hätte es für uns auch etwas kompliziert werden können, denn wie anfangs schon erwähnt, fährt dieser Bus nur alle paar Tage, und wenn man anderweitig von dort wegkommen will, ist man auf die Mitnahme in LKWs angewiesen, die aber auch nicht täglich fahren. Die Rückfahrt gestaltete sich ähnlich wie schon der Hinweg, nur dass es dieses Mal zu einer vernünftigeren Zeit losging (geplant 8, also um kurz nach 10), der Bus nicht so überfüllt war und wir was von der Landschaft sehen konnten. In besagtem Dorf, in dem der halbe Bus entladen und der Conductor vergessen worden war, haben wir übrigens wieder jede Menge volle Säcke aufgenommen, auf uns wirkt es, als wären diese alle voll mit Holzkohle – was in Anbetracht der ziemlich kargen, baumleeren Steinwüste etwas irritierend war.

Auch am nächsten Tag hieß es: Steine, Steine, STEINE Molo, eines der beiden Dörfer der kleinsten Ethnie Kenias Sieht ein bisschen aus wie Griechenland, oder?

 

Rückfahrt: Ein letzter Blick auf den Turkanasee Immer noch karg und trostlos, aber langsam wird aus Stein Sand und Gras Sieht doch auch beeindruckend aus, oder?

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Gegen Abend erreichten wir dann Marsabit, wo wir zur Verwunderung der Besitzerin wieder im gleichen Guesthouse unterkamen, und da wir für den nächsten Tag nur geplant hatten, wieder zurück nach Isiolo zu fahren, konnten wir den Vormittag also noch dazu nutzen, die erschreckend grüne Umgebung Marsabits etwas genauer zu erkunden. Während des Ausflugs haben wir unter anderem einen amerikanischen Missionar der Anglikanischen Kirche getroffen, der mit seiner Familie schon seit über 30 Jahren dort lebt; aber anders als die meisten in Kenia lebenden Wazungu kein riesiges, luxuriöses Haus hatte - stattdessen standen auf seinem Grundstück einzig ein paar Blechhütten, zwei Wohnwagen sowie ein  „Offroad-Wohnmobil“. Außerdem haben wir über einen nicht beschilderten Nebeneingang dem dschungelartigen Urwald des Marsabit Nationalparks einen vermutlich mehr oder weniger legalen Besuch abgestattet, und einen der umliegenden Berge erklommen, von dem aus man einen wirklich beeindruckenden Blick in die Marsabit umgebende, trockene Ebene hatte und wo uns noch einmal klar wurde, dass der Ort mehr oder weniger eine riesige Oase darstellt.

Im Anschluss daran war unsere Reise im Norden Kenias vorbei: Am Nachmittag sind wir mit dem Matatu zurück nach Isiolo gefahren, haben in unserem pinken Guesthouse geschlafen, den letzten gemeinsamen Abend mit einer Tetrapack-Flasche Wein genossen und uns am nächsten Morgen getrennt. Silas ist wieder über Nanyuki und Nakuru nach Kericho gefahren, während ich mich auf den Heimweg nach Kithyoko begeben habe.

Vorne: Ausläufer von Marsabit; hinten: trockene Ebene Marsabit: Auf einmal erschreckend grün! Oberhalb Marsabits thronte ein riesiges, protziges Kloster Über einen Vor einem Tag noch in der Steinwüste, nun hier...Alles ist so grüüüüüüüüünUnd damit war's das dann auch mit dem Norden!

 

Nachdem wir rausgefunden hatten, wie lange und aufwändig die Fahrt bis Loiyangalani ist und wie viel Zeit wir nur in Matatu und Bus verbringen mussten (5 von 8 Tagen!!!), hatten wir beschlossen, den Urlaub insgesamt um zwei Tage zu verlängern, sodass für mich die Arbeit gleich am nächsten Tag wieder losging. Sozusagen hatte ich den Midterm-Break optimal ausgenutzt, und dadurch keine Zeit mehr, mich von der doch relativ anstrengenden Reise einigermaßen zu erholen, geschweige denn meine Wäsche zu waschen!

Während der erste Tag, der Ankunftstag der Kinder, wie immer noch einigermaßen entspannt war, ging es gleich am nächsten Tag dann richtig los. Denn nicht nur, dass nahezu alle Kinder schon direkt im Laufe des ersten Tages eintrudelten; zusätzlich dazu sind innerhalb weniger Tage auch noch etliche neue Kinder angekommen, und der Großteil von diesen verursacht eine Menge zusätzlicher Arbeit, sitzen die meisten doch im Rollstuhl und können nicht viel bis nur sehr wenig machen. Die ganze Sache nicht wirklich vereinfacht hat dann noch ein gleich zu Beginn der zweiten Hälfte des zweiten Terms ausgebrochener, zwar nicht offen ausgetragener, aber dennoch heftiger Konflikt zwischen einigen Mitarbeitern und insbesondere der Köchin, in dem es vor allem um Zuständigkeiten für bestimmte Arbeiten ging (die dann im Zweifel für über eine Stunde einfach nicht gemacht wurden), und bis heute scheint dieser nicht ganz gelöst zu sein.

Allerdings habe ich davon gar nicht so viel mitbekommen, denn am Freitag wurde ich wieder krank, mit den gleichen Symptomen wie schon die beiden Male zuvor: Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Müdigkeit etc. Da dies nun schon zum dritten Mal innerhalb von zwei Monaten passierte und mit jedem Mal heftiger wurde, habe ich mich dann erneut nach Mwingi begeben, dieses Mal in eine Privatklinik, wo es gefühlt das erste Mal wirklich ernst genommen und ich vernünftig untersucht wurde. Dabei wurden in meinem Stuhl Amöben festgestellt, diese mit zwei ziemlich starken, spezifischen Antibiotika behandelt, und nach ungefähr einer Woche ging es mir dann wieder besser.

Jetzt hoffe ich, dass es das damit endlich war und das Ganze nicht noch einmal in ein paar Wochen wiederkommt. Dadurch ist dann auch mein Geburtstag, der in dieser Zeit lag, leider etwas auf der Strecke geblieben, und das, obwohl Silas dafür extra ein paar Tage früher nach Kithyoko gekommen ist - aber naja, was will man machen...? – Ein paar Tage früher übrigens, weil am Sonntag, den 24. Juni, alle Freiwilligen des ICYE Kenya zu uns ins Projekt kamen, wo für uns das Endterm-Camp, für die im Januar gekommenen Freiwilligen das Midterm-Camp, und für die dieses Jahr ausreisenden Kenianer das Preparation-Camp stattfand.

Inhaltlich und vom Ablauf war dies relativ ähnlich zu unserem Midterm-Camp im Januar, nur dass es bedeutend länger und mit wesentlich mehr Teilnehmern, insbesondere mehr Kenianern, war. Außerdem haben wir uns selber versorgt und eben in unserem Projekt gelebt, in dem völlig normal der Betrieb weiterging. Vermutlich war es dazu gut, dass sich das Camp doch relativ stark von den Kindern und Mitarbeitern und den dauerhaft genutzten Räumlichkeiten abgrenzte, da so das von Rebecca und mir befürchtete Chaos einigermaßen ausblieb. Gleichzeitig haben wir natürlich auch ein wenig im Projekt mitgeholfen, logischerweise vor allem Rebecca und ich: Denn wann immer wir Zeit hatten, haben wir das getan, was wir sonst auch gemacht hätten, wodurch das Camp für uns dementsprechend stressiger war als für den Rest.

Aber in den letzten zwei Tagen, wo wir mit den inhaltlichen Einheiten durch waren, stand für uns alle an, das Projekt zu unterstützen: Auf der einen Seite haben einige den Mitarbeitern bei Frühstück, Mittag- und Abendessen sowie beim Wäsche waschen und Kinder duschen geholfen, und auf der anderen Seite wurden einige Wände neu gestrichen, der aus Dornenbüschen bestehende  „Zaun” erneuert und die für uns eingerichteten  „Badezimmer“ zementiert, sodass diese nun auch von den MitarbeiterInnen und selbstständigen Kindern genutzt werden. Auch wenn dieses  „Endterm-Camp“ zwei Monate vor dem Ende unseres Aufenthalts in Kenia lag, hat es für mich gewissermaßen den letzten Abschnitt meines Freiwilligendienstes eingeläutet; jetzt bleiben mir nicht mal mehr vier Wochen im Projekt, anschließend habe ich noch drei Wochen zum  „Tschüss-Sagen“ und Rumreisen, und dann werde ich diesem Land wohl oder übel den Rücken zukehren.

Aber soviel dazu, am 30. Juni fuhren die ganzen Freiwilligen ab und es kehrte wieder Ruhe ein im MEDGO DEAR Centre. Somit endete mit dem Camp auch der Juni, sodass ich nun mal den wohl längsten Blogeintrag von allen zu einem Ende führen werde. Vielen Dank fürs Durchhalten; ich hoffe mein viel zu ausführlicher Reisebericht hat euch nicht zu sehr gelangweilt; aber ein Stück weit stellt dieser auch für Silas und mich ein Andenken / eine Erinnerung an das Erlebte dar – ebenso wie eigentlich der gesamte Blog, da ich kein Tagebuch schreibe….

Was vom Camp übrig bleibt...!

 

Noch ein kurzer Hinweis: Unter dem letzten Blogeintrag (Monatsrückblick Mai) habe ich relativ ausführlich einige, schon seit zwei Monaten im Raum stehende Fragen beantwortet. Also wer jetzt noch nicht genug gelesen hat, kann da auch gerne noch einmal reinschauen. Apropos Kommentare: Selbstverständlich würde ich mich wie immer darüber freuen, auch unter diesem Bericht einige zu finden. Ansonsten wünsche ich euch auf jeden Fall einen schönen, weiteren Juli. Geht mir nicht in Hitze und Trockenheit ein (bei mir gibt’s derzeit nur das zweite – in Kenia ist gerade  „Winter“) und bis zum nächsten Mal!

Liebe Grüße aus Kithyoko

Ole

Mai: Back to work, Krankheit und Ausflug nach Machakos

Donnerstag, 31.05.2018

Wali gani?,

(Wie ist [dein / euer] Befinden? – Selbstverständlich super, also „njema“)

es freut mich, dass ihr mal wieder den Weg hierher gefunden habt; gleich zu Anfang kann ich schon mal alle beruhigen, die keine zehn Stunden mitgebracht haben: Mein Mai war ausnahmsweise mal nicht allzu spektakulär, und dementsprechend wird auch dieser Eintrag nicht wieder jeden Rahmen sprengen – zumindest behaupte ich das jetzt mal, das hat bisher ja schon immer super geklappt! Aber dieses Mal bin ich optimistisch, dass das was wird, und wer am Ende des Eintrags enttäuscht ist, dass er so „kurz“ war (also wohl niemand), der / die findet darunter noch einen relativ neuen und ausführlichen Bericht übers Reisen in Kenia, vielleicht kennt ihr den ja noch nicht….

Der letzte Eintrag endete damit, dass ich von einer großartigen Reise aus dem Zentralen Hochland Kenias zurückkam und nun die Arbeit wieder losging, da das zweite Term dieses Jahres (und für mich damit das letzte) angebrochen war. Während der Ferien hat sich im Projekt so einiges geändert: Wohl die weitreichendste Neuerung ist, dass gefühlt die Hälfte der Belegschaft neu ist, da die beiden Matrons Dorcas und Winrose sowie die Lehrerin Alice und Erik, unser Gärtner, nicht mehr da sind. Über die Hintergründe der zahlreichen Weggänge oder Entlassungen kann man nur mutmaßen, allerdings tut das hier auch nichts zur Sache. Auf jeden Fall haben wir dafür nun zwei neue Matrons: Lydia kommt aus dem Westen Kenias und Anne von hier, und beide bringen auf jeden Fall eine Menge frischen Wind mit ins Projekt; ebenso wie Josiah und Elijah, die sich nun um Garten, Grundstück und die Ziegen kümmern. Wer sich jetzt verwundert die Augen reibt: Ja, zum MEDGO DEAR Centre gehören neben den großen Feldern und einer Herde Hühner noch rund 10 Ziegen, von denen ungefähr die Hälfte seit neuestem bei uns auf dem Gelände lebt; die anderen befinden sich laut Sister auf dem Außengrundstück des Projekts in einem Nachbardorf Kithyokos – wo genau das ist, weiß ich aber auch nicht.

Matrons und Gärtner wurden also ausgetauscht, fehlt also noch ein Ersatz für Alice, und tatsächlich haben wir bisher noch keine neue, zweite Lehrerin an der Schule, u.a. weil die, die eigentlich kommen sollte, schwanger geworden und das derzeit laufende Bewerbungsverfahren wohl noch nicht abgeschlossen ist. Aber Sister hatte in letzter Zeit auch einiges anderes zu tun, denn nach langer Finanzierungs- und Planungsphase ist vor einigen Tagen mit dem Bau einer neuen Küche mit angrenzendem Speisesaal begonnen worden, sodass das alte Wellblechhäuschen hoffentlich bald ausgedient hat. Das sind soweit großartige Neuigkeiten - auch wenn ich das Ergebnis wohl nicht mehr miterleben dürfte - aber dennoch ist es ziemlich ärgerlich, dass Alex nun als einziger Lehrer übrig geblieben ist, und der Unterricht somit nur noch deutlich abgespeckt stattfindet. Zumal Alex neben der Klasse und vielen weiteren Arbeiten auch noch die meisten administrativen Aufgaben wahrnimmt, da Mwende ja seit 2 Monaten weg und Sister allgemein nur selten da ist. Von daher fehlt eine zweite Lehrerin wirklich dringend, damit die Schüler wieder besser „unterrichtet“ werden können, wobei das bei uns ja sowieso etwas schwierig ist.

Wo nun so viele MitarbeiterInnen neu sind und die Belegschaft ja auch davor schon nicht immer gleich geblieben war, ist mir aufgefallen, dass ich nach Sister (Admininstration), Beatrice (Köchin), Alex (Lehrer + alles andere) und Catherine nun schon am längsten im Projekt bin, was bei zwölf MitarbeiterInnen doch schon beachtlich ist dafür, dass ich selbst erst vor neun Monaten dort ankam und auch irgendwie „nur“ Freiwilliger bin. A pro pro Ankommen: Wie sonst auch üblich, hat es nach Schulbeginn etliche Tage bis Wochen gedauert, bis die meisten Schüler zurückgekommen waren und wir den Schulbetrieb wieder einigermaßen normal aufnehmen konnten. Zumal auch hier ein reger Wechsel herrschte: Etliche Kinder sind aus welchen Gründen auch immer nicht wiedergekommen, während einige andere neu sind. Doch auch danach lief nicht alles wirklich rund. Nicht nur, dass aufgrund von Lehrermangel der Unterricht häufig zu kurz kommt, mittlerweile ist es für hiesige Verhältnisse auch ausgesprochen kalt und dementsprechend viele Kinder sind erkältet.

Schon während der Regenzeit hatte ich ja berichtet, dass die Temperaturen tagsüber nur noch selten 25° erreichten und nachts häufig auf unter 15° fielen. Seit Ende April ist es nun bei uns, abgesehen von einem kurzen Schauer, trocken geblieben – währenddessen regnet es in weiten Teilen des Landes immer noch ausgiebig, was zu anhaltenden Überschwemmungen und immer volleren Stauseen führt: So ist zum Beispiel der in meiner Nähe liegende Masinga Dam, der größte Damm Kenias, mittlerweile voll, während es noch vor einigen Monaten zeitweise zu Engpässen in der Stromversorgung kam, weil der Wasserstand zu niedrig war. Und vor rund drei Wochen ist bei Nakuru ein privater Damm gebrochen; bei dem Unglück starben über 40 Menschen. Aber bei mir sind diese Zeiten vorbei (auch in meiner Umgebung hatten Starkregen und Überschwemmungen einigen Schaden angerichtet), doch dieses Mal hat das Ende der Regenzeit keine nennenswerte Temperaturerhöhung mit sich gebracht; im Gegenteil: Vor allem nachts ist es seitdem noch einmal wesentlich kälter geworden, und auch tagsüber wird es nur dann angenehm warm, wenn die Sonne genügend scheint.

Alles in allem fühlt sich das Wetter mittlerweile so an wie eine endlose Aneinanderreihung warmer April- und Maitage, wobei es bei euch im Mai zum Teil ja eindeutig wärmer war als hier – hätte man mir das vor neun Monaten gesagt, hätte ich die Leute für verrückt erklärt! Aber wie dem auch sei, auf jeden Fall scheint diese „kalte“ und dazu noch ausgesprochen trockene Luft Erkältungen und andere Erkrankungen zu fördern, und so schnieft und hustet nicht nur seit Beginn des Terms gefühlt das halbe Projekt vor sich hin, sondern auch mich hat es nach fast acht Monaten, die ich gesund in Kenia verbracht hatte, ziemlich erwischt: Innerhalb von drei Wochen hatte ich zweimal ordentlich Fieber, gefolgt von den üblichen, nervigen Erkältungssymptomen. Dazu kam noch eine merkwürdige Hautinfektion, die ich mit Antibiotika behandeln sollte (allgemein wurde mir wirklich jedes Mal, wenn ich aus irgendeinem Grund beim Arzt war, ein Antibiotikum verschrieben, auch wenn ich das bisher nur das eine Mal genommen habe…) sowie eine dauerhafte Erkältungs-Allergie-Erscheinung, deren Grund ich immer noch suche. Allerdings verdächtige ich entweder Gras oder Mais, die beide seit Beginn der Trockenzeit blühen und einfach ÜBERALL sind. Fürs erste kann ich also wohl nur hoffen, dass bald alles zu Ende geblüht hat (also vertrocknet ist), und bis dahin die Allergie mein einziges Problem bleibt.

Das mit dem Vertrocknen war übrigens ernst gemeint: Denn nach über einem Monat ohne Regen ist zwar noch alles grün, aber so langsam trocknen die Pflanzen auf den Feldern aus, sodass nun die Ernte beginnt – vor allem von den Kidney- und Mungbohnen, die in den letzten zwei bis drei Monaten gut gewachsen und nun reif sind. Der ebenfalls überall angepflanzte Mais ist hingegen noch nicht ganz so weit und sieht oft eher so aus, als würde es auch keine wirklich ertragreiche Ernte geben – dafür war die Regenzeit wohl doch zu kurz und außerdem zu nass und sonnenlos, und häufig wurde vermutlich auch einfach zu spät gepflanzt. (Wenn man bei einer mit zwei Monaten schon ungewöhnlich langen Regenzeit z.T. erst über einen halben Monat nach den ersten Schauern säht, verwundert das auch nicht so sehr…) Aber warten wir doch einfach mal ab, was das noch gibt, vielleicht liege ich mit meiner Vermutung da auch einfach völlig falsch.

Grün grün grün ist das Maisfeld im Parish

Aber abgesehen von meiner Gesundheit und den vielen neuen Gesichtern im Projekt, war mein Monat ziemlich unspektakulär und nahezu „alltäglich“, und wie schon erwartet habe ich mit Abstand die meiste Zeit bei der Arbeit verbracht, wo es mal wieder immer und überall mehr als genug zu tun gab. Einzig erwähnenswert ist noch ein Wochenend-Ausflug, den Rebecca und ich nach Machakos unternommen haben, das Hauptstadt des Countys ist, in dem auch wir leben, die größte Stadt der Kambas und nebenbei in einer schönen, grünen Umgebung liegt. Dort haben wir unter anderem einen an die Stadt angrenzenden Berg erklommen und uns nach „Kya Mwilu“ begeben, wo auf rund 100 Metern Straße Wasser den Berg hochfließt und Autos etc. entgegen der Schwerkraft rollen. Ob es sich dabei nun um eine optische Täuschung oder das tatsächliche Auftreten der bisher physikalisch noch nicht eindeutig geklärten anti-gravity handelt (zugegeben wirkte es schon so, als würde die Straße ansteigen, allerdings zu minimal um sich wirklich sicher zu sein), ist uns auch nach ausführlicher Internetrecherche nicht abschließend klar geworden, aber auf jeden Fall war es ausgesprochen merkwürdig, ebenso wie die Leute, die schon am Straßenrand warteten, um Wasser auf die Straße zu kippen und das Phänomen zu zeigen, und anschließend lächerlich viel Geld dafür haben wollten. Aber auch wenn dieses Erlebnis irgendwie wesentlich weniger beeindruckend war, als wir gehofft hatten, war die Umgebung zumindest wirklich nett und für einen ausführlichen Spaziergang super geeignet.

Von den Machakos Hills hatte man einen schönen Ausblick Wir konnten Kaffeepflanzen bestaunen... ...sowie einen wortwörtlich Zum Abschluss ein Suchbild: Was ist so besonders an den Einkaufswagen im Supermarkt von Machakos?

Und das war es dann auch mit diesem Monat – ich bin fast schon ein bisschen stolz darauf, dass der Eintrag tatsächlich nur etwas über zwei Seiten des Word-Dokuments füllt und ich trotzdem das Gefühl habe, auf alles Wichtige eingegangen zu sein. Ich beende diesen Blog gerade übrigens im Matatu auf dem Weg von Kithyoko nach Kericho, wo ich meinen Mitfreiwilligen Silas besuchen und von dort aus mit ihm zusammen irgendwohin fahren werde – denn für die nächste Woche hat das MEDGO DEAR Centre geschlossen, und dieses „Midterm-Break“ will ich erneut nutzen, um in einem Kurzurlaub noch einmal mehr von diesem großartigen und so vielseitigen Land sehen. Aber darum soll es dann in einem Monat gehen!
Ich wünsche euch einen guten Start in den Juni, bedanke mich vielmals fürs Dabeibleiben, und hoffe jetzt erst einmal, dass ich den Blog tatsächlich auch vom Handy aus einstellen kann!

Bis zum nächsten Mal

Ole

Reisen, Verkehr und alles voller Matatus - Aus dem Alltag

Sonntag, 27.05.2018

Häufig gewünscht, seit langem angekündigt - endlich habe ich mal wieder die Zeit gefunden, einen thematischen Blogeintrag zu schreiben, und dieses Mal soll es darum gehen, wie ich im Normalfall durch Kenia reise, was für Verkehrsmittel hier verbreitet sind und wie das alles abläuft. Denn auf der einen Seite unterscheidet sich dies gewaltig von dem, was man in Deutschland gewohnt ist, und zum anderen ist es mangels einer öffentlichen Organisation, die die Abläufe regelt und kontrolliert, auch meist ziemlich chaotisch, schwer zu durchschauen und auch regional ziemlich unterschiedlich. Allgemein ist es unmöglich, das Ganze vollständig darzustellen, und man kann das, was man soweit erlebt hat, geschweige denn das, wovon ich hier berichten werde, auf keinen Fall generalisieren, weil auf jeder Strecke und von jedem der unzähligen, kleinen Transportunternehmen die Dinge anders gehandhabt werden. Dennoch möchte ich versuchen, auf die verbreitetesten, „alltäglichsten“ und von mir am meisten genutzten Fortbewegungsmittel einzugehen und das chaotische „System“, sofern man hierbei überhaupt von einem System sprechen kann, einigermaßen übersichtlich und verständlich aufzuschlüsseln…

 

Busse und Kleinbusse

Der Großteil des öffentlichen Verkehrs besteht aus Bussen und Kleinbussen, die man ständig und überall sieht und an denen man fast gar nicht vorbeikommt, wenn man irgendwohin will. Dabei werden die Fahrzeuge eigentlich alle privat betrieben, wobei die einzelnen „Saccos“ (eine kenianische für Kleinunternehmen) oft nur über einige wenige Fahrzeuge verfügen und sich die Strecken mit vielen anderen Anbietern teilen, z.T. handelt es sich dabei aber auch um große Unternehmen mit vielen Fahrzeugen und einer eigenständigen Organisation samt Booking Offices. Auf den allermeisten Strecken gelten mehr oder weniger Festpreise; dennoch kommt es immer mal wieder vor, dass versucht wird, einen höheren Fahrpreis zu kassieren – insbesondere als Mzungu passiert einem dies häufiger, gilt man doch als reicher und unwissender Reisender.

In jedem Fahrzeug gibt es üblicherweise neben dem Fahrer noch einen Conductor, eine Art „Schaffner“, der das Geld kassiert, ständig  nach weiteren Fahrgästen sucht und dem Fahrer mitteilt, wann jemand aussteigen möchte. Das ganze Gewerbe ist allgemein sehr männerdominiert, in den neun Monaten, die ich nun schon hier bin, habe ich bisher vielleicht drei Frauen als Fahrerin oder Conductor gesehen. Im Folgenden werde ich nun etwas genauer auf die einzelnen Varianten und Besonderheiten des Verkehrs eingehen:

 

innerhalb großer Städte

In den wenigen, richtig großen Städten Kenias, in denen ein richtiger öffentlicher Nahverkehr besteht, ist dieser relativ klar geordnet und organisiert: Es gibt feste Linien, auf denen die Matatus (so werden die Kleinbusse im Allgemeinen genannt) fahren, und mehr oder weniger feste Haltestellen, wo die Fahrgäste ein- und aussteigen, auch wenn diese nur selten als solche gekennzeichnet sind und man sich dementsprechend gut unter Zuhilfenahme von Google Maps und Leute-Fragen orientieren muss. Im Normalfall gehen alle Linien von einer Art zentraler Bushaltestelle aus, von wo auch meist der „Fernverkehr“ startet - einzig in Nairobi besteht diese Station mehr oder weniger aus dem gesamten Stadtzentrum, und einige Matatus fahren nur auf Teilstrecken oder umgehen die Innenstadt komplett. In Nairobi ist das Ganze sogar so klar geregelt mit festen Nummern für die einzelnen Strecken, dass selbst Google Maps diese kennt und dich über die Routenfunktion von einem Ort zum anderen mit Matatus führen kann.

In Bezug auf die Transportmittel hat jede Stadt so seine eigenen Besonderheiten. Allgemein gilt für alle, dass die meisten Matatus aus kleinen 14 Pass Fahrzeugen bestehen, die über fünf Dreierreihen verfügen und somit offiziell neben dem Fahrer 14 andere Fahrgäste aufnehmen können – diese Minibusse werden allgemein als „Nissan-Matatus“ bezeichnet – auch wenn es gefühlt genauso oft ein Toyota oder Isuzu ist. Neben diesen Minibussen wimmelt es gerade in Nairobi noch von größeren Bussen, in die man richtig einsteigt und wo zwischen den beiden Doppelreihen ein richtiger Gang in der Mitte ist – fast so wie bei einem für uns „normalen“ Bus. Gerade letztere verursachen eine ausgesprochen große Geräusch- und Geruchskulisse, da die großen, meist ziemlich alten Motoren die Abgase ungefiltert auf die Straße befördern. Verstärkt wird dies noch davon, dass Matatus bis auf wenige Ausnahmen ihre Motoren nicht ausmachen, auch wenn sie Ewigkeiten irgendwo rumstehen, sondern stattdessen ständig mit dem Gaspedal spielen; und auch an den Haltestellen wird häufig ziemlich aggressiv und lautstark rumgedrängelt und nicht selten alles verstopft.

Denn gerade in den vollen Großstädten, wo extrem viele Menschen unterwegs sind und ständig volle Matatus fahren, ist die Masse an Anbietern und die Konkurrenz dieser überwältigend und das Gewerbe unfassbar umkämpft, was sich eben auch im energischen Auftreten bzw. Verhalten von Fahrer und Conductor widerspiegelt. Oftmals sind die Fahrzeuge dazu noch mit „fetten“ Soundanlagen und Subwoofern ausgestattet, aus denen lautstark kenianischer Hip Hop und allerlei Remixe von unzähligen DJs dröhnen. Im Normalfall ist die Musik laut bis sehr laut, aber wenn man Pech hat, kann es auch vorkommen, dass die Lautstärke einfach nur noch schmerzhaft ist. Spätestens dann ist es mehr als empfehlenswert, In-Ear-Kopfhörer dabei zu haben, und sei es auch nur zum Schutz des eigenen Gehörs. Insbesondere die großen „Nairobi-Party-Matatus“ haben dazu häufig auch noch große Flachbildschirme vorne angebracht, auf dem das dazugehörige Musikvideo läuft, was dem Ganzen noch einmal einen ganz besonderen Charme verleiht!

  Die großen Nairobi-Matatus: Voll, bunt und meist sehr LAUT! Links:

im ländlichen Raum

Etwas unregelmäßiger, unorganisierter und komplizierter ist es da schon, wenn man auf dem Land unterwegs ist; und hier ist es durchaus praktisch, wenn man sich auf der Strecke einigermaßen auskennt, denn die Wahl des richtigen Verkehrsmittels kann im Zweifel die Reisezeit deutlich beeinflussen – so habe ich z.B. für den Weg von Nairobi zu mir bzw. umgekehrt bei ähnlicher Verkehrslage schon mal 4 Stunden gebraucht, es aber auch schon in 2 geschafft. Wobei da neben Wissen auch immer eine Glück dazu gehört.

Im Allgemeinen wird der Verkehr hier noch mehr von 14-Pass-Nissan-Minibussen dominiert als in der Stadt. Diese verkehren auf praktisch jeder geteerten Straße in alle Richtungen und halten dabei im Normalfall für jeden am Fahrbahnrand stehenden Fahrgast an, auch wenn das Fahrzeug mit 20 Personen schon maßlos überfüllt ist. Dazu wird auf jeder Dreierreihe unter Zuhilfenahme eines Brettes, das in den schmalen Gang zwischen dem linken und dem mittleren Sitz gelegt wird, Platz für vier geschaffen, und wenn das immer noch nicht reicht, stellt sich der Conductor und im Zweifel noch ein weiterer Fahrgast in die Tür oder quetscht sich vorn übergebeugt stehend in den Freiraum zwischen der niedrigen Decke und den Beinen der Fahrgäste. Einzig die durch eine Wand vom restlichen Teil des Matatus abgetrennte erste Reihe mit dem Fahrer wird niemals überladen; höchstens mit ein paar Kindern, die im Allgemeinen fast immer auf dem Schoß ihrer Eltern, Geschwister oder sonstigen Fahrgäste kostenlos mitfahren.

Dass die Matatus auf dem Land übrigens wesentlich häufiger überladen werden als in der Stadt und dazu häufig noch in wesentlich schlechterem Zustand sind, hängt in erster Linie damit zusammen, dass dort den Verkehr regulierenden Gesetze nicht so streng kontrolliert oder einfacher mit 50 Shilling umgegangen. Allgemein finde ich diese Art der Strafvermeidung in Kenia etwas befremdlich. Ich meine, ich kann ja nachvollziehen, dass die Polizeibeamten mit rund 200€ Monatslohn nicht zufrieden sind – aber stellt euch mal vor, ihr würdet in Deutschland angehalten, weil z.B. das Licht eures Autos nicht geht, die Armatur auseinanderfällt, das Auspuffrohr fast nicht vorhanden ist und sich nebenbei noch 10 Leute in euerm Micra quetschen, und statt ein saftiges Bußgeld zu bezahlen (die Strafen in Kenia sind tatsächlich lächerlich hoch), zwinkert ihr dem Polizisten zu und gebt ihm ausführlich die Hand, wobei zufällig eine 50 ct Münze den Besitzer wechselt. Selbst wenn die Verhältnisse andere sind und man eher mit 5€ rechnen müsste, ist das doch eine ganz andere Welt.

Aber wieder zurück zu den Matatus: Es ist sehr vom Transportunternehmen und der Laune von Fahrer und Conductor abhängig, wie komfortabel und schnell die Reise verläuft. Hat man Pech, fährt das Fahrzeug nicht schneller als 50, weil der Motor zu schwach ist oder der Reifen besorgniserregend eiert und wird dann auf halber Strecke noch rausgeworfen und ins nächste Matatu verfrachtet, weil sich entweder zufällig gerade die Route „geändert!!!“ hat oder fast alle anderen Fahrgäste ausgestiegen sind, sodass sich die Weiterfahrt nicht mehr lohnt. Gleichzeitig kann es aber auch gut passieren, dass man in einem schnellen, nicht überfüllten Matatu sitzt, das nahezu gar nicht auf dem Weg stoppt und dreimal so schnell ist.

Dass die Fahrzeuge im Zweifel so häufig stoppen, zeigt noch eine Sache sehr deutlich: Da der mit Abstand größte Teil der kenianischen Bevölkerung weit verteilt auf dem Land lebt und sich nicht in einzelnen Städten und an einzelnen Stationen sammelt, steigen die meisten Fahrgäste mitten auf dem Weg ein oder aus. Von daher ergibt sich, dass selbst auf dem Weg von zwei etwas größeren Städten ein ständiges rein und raus herrscht und die Fahrt ewig dauern kann. Zum Teil kann man es den Fahrzeugen schon einigermaßen ansehen und davon ausgehen, je älter und klappriger, desto langsamer, damit aber auch genauso gut falsch liegen…

Gerade in meiner Region sind neben den „Nissans“ auch größere Busse verbreitet. Diese allgemein als Countrybus bekannten Fahrzeuge ähneln den großen Matatus in Nairobi, haben allerdings pro Reihe fünf Sitze, was die Fahrt nicht angenehmer macht, zumal sie meistens ziemlich schlecht gefedert und ausgesprochen langsam sind, da sie überall halten und aufgrund der Größe noch mehr Leute ein- und aussteigen. Der einzige wirkliche Vorteil vom Countrybus ist, dass er fest einer Route folgt (im Normalfall von irgendwelchen größeren Städten nach Nairobi) und man somit nicht Gefahr läuft, das Fahrzeug doch noch wechseln zu müssen. Außerdem kann man hiermit ganz gut Gepäck transportieren: Was nicht auf den Schoß passt, wird entweder in den Gang gestellt oder einfach aufs Dach geschnallt – was auch bei den kleineren Fahrzeugen zum Teil geschieht, beim großen aber irgendwie noch normaler ist und sicherer wirkt, da dort sowieso schon immer 20 Säcken sind.

  Ein normales Nissan-Matatu in Kithyoko Ein Countrybus von innen: Charakteristisch mit 2+3 SitzenAch komm, da passt noch mehr rein...

Wenn man zwischen zwei größeren, nicht direkt nebeneinander liegenden Städten unterwegs ist, kann man zudem mit etwas Glück auch ein Shuttle, Express, oder Direct car finden (ist alles das gleiche, aber jedes Sacco hat einen anderen Namen dafür). Diese sind meist etwas teurer, werden aber dafür auch nur von Leuten genutzt, die auch bis zum Ende oder zumindest ziemlich weit fahren; häufig wird sogar auf den den Conductor verzichtet, schließlich steigt unterwegs ja niemand mehr zu… Dementsprechend schneller und angenehmer ist die Fahrt mit diesen Shuttles, zumal diese Nissans (denn auch dabei handelt es sich immer um die kleinen Minibusse) im Normalfall recht neu sind und eher nicht überladen werden. Je nach Strecke und Anbieter gibt es zum Teil sogar 11-Pass-Shuttles, wo eine Sitzreihe weniger drin und dementsprechend mehr Platz ist.

A pro pro Anbieter: Da für es keine staatliche Organisation gibt, die abgesehen von Ein- und Ausgangskontrollen an einigen Busstationen in größeren Städten den Verkehr wirklich reguliert, macht jedes Sacco sein eigenes Ding, was insbesondere an größeren Stationen ziemlich verwirrend werden kann, wenn z.B. gleichzeitig fünf verschiedene Anbieter für genau die gleiche Strecke um die Kunden kämpfen. Und wenn man ahnungslos das erst beste nimmt, das man sieht, so kann es sein dass dies leider nicht das am meisten genutzte ist, und während man darauf wartet, dass es endlich voll wird, schon etliche andere Matatus in die gleiche Richtung vor einem abfahren. Generell gilt nämlich, dass Matatus sich nicht an festen Zeiten orientieren, sondern entweder abfahren, wenn sie voll sind (wobei das Auslegungssache ist: Ist ein 14 Pass mit 13 Fahrgästen plus Fahrer und Conductor voll oder erst, wenn sich in jeder Reihe vier Leute quetschen?), oder wenn der Conductor entscheidet, schon halb voll loszufahren - in der Hoffnung auf auf dem Weg zusteigende Fahrgäste.

Gerade in weniger dicht besiedelten Regionen kann es auch vorkommen, dass anstatt oder zusätzlich zu den normalen Matatus noch PKW mit fünf oder sieben Sitzen verkehren, die zu den gleichen Preisen Fahrgäste befördern.  Bisher zweimal hatte ich auch das Glück, dass eine Privatperson mit eigenem Auto vorbeikam, die auf dem Weg noch Leute mitnehmen und sich so ein kleines Zubrot verdienen will. Aber beides ist doch eher die Ausnahme.

 

Da der öffentliche (Nah-)verkehr relativ individuell ist und vor allem über kleine Busse und unzählige, viel zu viele konkurrierende Unternehmen abläuft, werden somit extrem viele verschiedene Strecken angeboten, nicht nur von Nairobi aus überall hin, sondern auch im ländlicheren Raum verkehren zwischen den einzelnen Städten Matatus in gefühlt alle möglichen Richtungen. Dennoch kommt man auch hier häufig nicht daran vorbei, umzusteigen, selbst, wenn es theoretisch Direktverbindungen gibt.

Denn wie schon gesagt, gelten für Matatus in der Regel keine Abfahrtszeiten oder gar Fahrpläne, sodass man sich höchstens an Erfahrungsberichten (wie vormittags fahren die Matatus dorthin durchschnittlich vielleicht so alle 20 Minuten) orientieren und eine Fahrt nicht wirklich planen kann. Zur Veranschaulichung will ich ein Beispiel aus meiner Region anführen; vielleicht sagen euch die Städtenamen ja etwas, auf jeden Fall empfehle ich aber, die Karte unten kurz anzusehen; zumindest falls euch das überhaupt interessiert, denn das kann ich gerade nur ganz sehr schwer nachvollziehen - für mich ist dies alles nämlich so normal, alltäglich und selbstverständlich geworden, dass ich mich nicht mehr wirklich in eure Lage versetzen und wissen kann, wie logisch das Ganze erscheint; aber normale Bus- und Bahnlinien wie in Deutschland sind halt doch noch etwas ganz anderes, deshalb wollte ich dies einmal aufgreifen.

Doch nun zum Beispiel: In meiner Nähe gibt es drei größere Städte bzw. Ausgangspunkte für Matatus. Zwei davon, Mwingi und Matuu, liegen auf dem von Ost nach West verlaufenden und nach Nairobi führenden Highway; von diesem geht eine Teerstraße nach Süden ab, die nach Kitui führt, der Hauptstadt meiner Nachbarprovinz. Zwischen allen drei Städten fahren Matatus direkt hin und her, wobei „direkt“ in diesem Fall nicht etwa bedeutet, dass es sich dabei um Shuttle handelt, die ohne ständiges Halten am Straßenrand zügig zu ihrem Zielort unterwegs sind, sondern nur, dass sie irgendwann tatsächlich dorthin fahren! Wenn man also von einer Stadt in die nächste unterwegs ist, so macht es am meisten Sinn, einfach eines dieser „direct“ cars zu nehmen, zumindest so lange diese nicht noch vollständig leer sind.

Nun ist es allerdings häufig der Fall, dass man nicht in der Stadt selber losfährt, sondern erst irgendwo auf dem Weg dorthin zusteigen will - das gilt ja auch für mich, denn Kithyoko, wo ich lebe, befindet sich zwischen der Highway-Kreuzung und Mwingi, und die Matatus fahren dort nicht los, sondern nur durch. Solange man nur auf der „Standardrichtung“ - nach Matuu - unterwegs ist, stellt dies kein Problem dar, da ja die meisten vorbeikommenden Fahrzeuge dorthin fahren. Will ich nun aber nach Kitui, kann ich entweder im Zweifel ziemlich lange darauf warten, dass ein direkt dorthin fahrendes Matatu aus Mwingi kommt, das mich im Zweifel  nicht mal mehr mitnimmt, weil es zu voll ist; oder ich fahre einfach mit dem erst besten Fahrzeug zur Highway-Kreuzung, und nehme von dort aus das nächste (wahrscheinlich aus Matuu kommende) Matatu nach Kitui.

Auf dem Rückweg hingegen kann ich mir dann in Kitui einfach ein Fahrzeug suchen, das direkt nach Mwingi fährt, und in Kithyoko rausspringen. Ich hoffe, dass war einigermaßen verständlich (wenn sich das überhaupt jemand interessiert durchgelesen hat) - hier noch die Karte!

 

Überlandbusse

Auf langen Strecken verkehren neben Shuttles und ggf. noch Countrybussen auch richtige, große Reisebusse, insbesondere zwischen Nairobi und größeren, weit entfernten Städten des Landes (vor allem im dicht besiedelten Westen sind diese sehr zahlreich) sowie zwischen Mombasa und eigentlich allen anderen, größeren Städten des Landes, weil alles weit von Mombasa weg ist. Der „Überlandbus-Markt“ Kenias wird von einigen großen Anbietern dominiert, die in jeder Stadt, die sie anfahren, über ein eigenes kleines Büro verfügen. Diese Busse haben feste Abfahrtzeiten und jedes Ticket ist sitzplatzgebunden; die Tickets kann man vor Ort im Booking Office, telefonisch oder z.T. sogar online kaufen und super einfach mit MPesa bezahlen.

Aufgrund der langen Fahrzeit sind die meisten Busse über Nacht unterwegs, was zwar eher anstrengend und ungemütlich, gleichzeitig aber auch praktisch ist – schließlich spart man sich einen Reisetag sowie eine Übernachtung, und man ist morgens am Ziel – und sich häufig sowieso nicht vermeiden ließe, z.B. wenn man morgens noch nicht in der Stadt ist, wo der Bus abfährt (ich komme im Normalfall direkt aus Kithyoko und brauche eine Weile bis Nairobi), nach der Ankunft noch weiter will (z.B. von Mombasa aus an einen attraktiveren Ort an der Küste), oder wenn die Fahrt einfach so lange ist, dass die Strecke tagsüber nicht machbar wäre – gerade wer von Mombasa aus in den Westen Kenias fährt, schafft es kaum in unter 15 Stunden.

  unterwegs mit dem Nachtbus von Mombasa nach Nairobi

 

weitere Verkehrsmittel

Wie schon eingangs erwähnt, läuft der Großteil des öffentlichen Nahverkehrs in Kenia über Reise-, Klein- und Minibusse, die ständig und überall fahren; aber neben der Straße finden sich auch noch die anderen beiden üblichen Verkehrswege, mit denen man auf jeden Fall schneller, komfortabler und Dank fester Fahrtzeiten auch planbarer verreisen kann: Zum einen gibt es in Kenia neben den drei internationalen Flughäfen in Nairobi, Mombasa und Kisumu (wobei einzig der JKIA in Nairobi diesem Namen einigermaßen gerecht wird) noch etliche Regionalflughäfen und Pisten, die entweder von Linienflügen ausgehend von Nairobis Zweitflughafen, oder einzig von Privatjets einzelner Personen oder Reiseveranstalter, angeflogen werden - letzteres gilt gerade für die „Deluxe-Nationalparks“ Maasai Mara, Tsavo West und Amboseli, zu denen die über eine prall gefüllte Geldbörse verfügenden Touristen für Safari-Ausflüge meist von ihren Luxusressorts an der Küste gekarrt werden…..

Aber für einen Freiwilligen viel interessanter als diese exorbitant kostspielige Art des Reisens ist sowieso die Schiene. Denn seit rund einem Jahr fährt zwischen Mombasa und Nairobi jeweils zweimal täglich ein „Hochgeschwindigkeitszug“ chinesischer Produktion, dessen Höchstgeschwindigkeit bei 120 km/h liegt, der aber trotzdem die Reisezeit zwischen den beiden Metropolen mehr als halbiert. Dies hängt u.a. mit der Beschaffenheit der Mombasa Road zusammen, über die sich einspurig in jede Richtung fast der gesamte Güterverkehr vom Hafen Mombasas nach Nairobi schiebt. Ein wenig das Problem mit dem Zug ist aber, dass der erste morgens so früh abfährt, dass man nicht rechtzeitig dort sein kann, wenn man nicht in Nairobi oder Mombasa übernachtet hat, und der zweite erst abends spät ankommt, sodass man nicht mehr weiter kann. Was also den Versuch, von einem Urlaubsort an der Küste bis Kithyoko an einem Tag zu fahren, unmöglich macht, weshalb ich im Zweifel dann doch den teureren Nachtbus wähle. Erschwerend kommt dabei noch hinzu, dass die Endhaltestellen der Eisenbahn unfassbar weit außerhalb liegen und je nach Verkehrslage über eine Stunde Fahrt vom Stadtzentrum entfernt sind.

Neben dem neuen Standard Gauge Railway existiert in Kenia übrigens auch noch die aus Kolonialzeiten stammende Schmalspurbahn, die Mombasa über Nairobi und Kisumu mit Uganda verbunden hatte, aber seit 2012 vollständig eingestellt worden ist; zumindest im Personenverkehr - auf einigen Abschnitten fahren auch heute noch Güterzuge. A pro pro Kisumu und Uganda. Der SGR hat mit Nairobi noch nicht sein Ziel erreicht, sondern wird Stück für Stück weiter gebaut, bis er irgendwann Kisumu erreichen soll. Ursprünglich war übrigens geplant, dass die Strecke bis Kampala in Uganda führt, doch da offenbar schon das erste Teilstück nach Nairobi den Preisrahmen gesprengt hat (was in Anbetracht der viel zu riesigen und pompösen Bahnhöfe mitten im Nirgendwo, die größer als so manches Flugzeugterminal sind, nicht wirklich verwundert), wurde die Verlängerung bis zur Grenze nach Uganda erst einmal auf Eis gelegt. Von daher bleibt wohl abzuwarten, ob die neue Eisenbahn tatsächlich wie geplant vor allem Güter auf die Schiene bringt und die Wirtschaften Kenias und Ugandas beflügelt, oder es am Ende doch nur zum Prestigeprojekt der Regierung reicht.

 

 

Individualverkehr

Neben den öffentlichen Transportmitteln gibt es logischerweise auch noch die Möglichkeit, sich privat durch die Gegend kutschieren zu lassen. Taxis findet man eigentlich fast überall, man muss sich manchmal nur überlegen, ob man Preis und Fahrzeugzustand akzeptabel findet. Außer wenn man in Nairobi ist, weil dort bieten die Vermittlungs-Apps Uber und Taxify komfortable Abhilfe mit festen Preisen bzw. Tarifen und Fahrzeugmindestansprüchen. Natürlich sollte man bei den zahlreichen Vorteilen, die die Benutzung dieser Apps hat, nicht darüber hinwegsehen, dass die einzigen, die daran wirklich verdienen, die Betreiber der Apps (ein Fahrer meinte z.B., Uber bekäme 25% des Fahrpreises) sowie die Besitzer der Autos sind, denn es scheint üblich zu sein, dass wohlhabende Kenianer mit dem nötigen Kapital Autos kaufen und an Fahrer weitervermieten, für die dann abzüglich Miete und Sprit nicht mehr viel vom Fahrpreis übrig bleibt. Dennoch glaube ich, dass nur die wenigsten in meiner Situation auf die App vollständig verzichten würden, dazu ist sie einfach zu praktisch!

Doch abgesehen von den Taxis, anstelle derer man im Normalfall auch Matatus nehmen könnte, gibt es noch ein anderes, meist alternativloses Fortbewegungsmittel, dass ich schon fast zum „öffentlichen Nahverkehr“ gezählt hätte, auch wenn es nur für einen selber fährt. Damit meine ich selbstverständlich Boda bodas, also Motorradtaxis, die sich an Boda boda stations stehend und auf Kunden wartend einfach überall befinden. Gerade auf dem Land kommt man eigentlich nicht daran vorbei, sich damit irgendwohin bringen zu lassen, da sich die Matatus im Normalfall nur auf den geteerten Straßen bewegen und mehr oder weniger festen Routen folgen, und wenn man nun ins Landesinnere (von Kenianern häufig als „into the bush“ bezeichnet) will, muss man am nächstgelegensten Marktzentrum am Highway aussteigen und sich ab da von einem Boda boda ans Ziel bringen lassen - und im Zweifel auch wieder abgeholt werden, weshalb man nicht vergessen sollte, sich die Nummer geben zu lassen.

Boda bodas haben in der Regel feste Preise (pro Person, allerdings bekommt man z.T. einen Rabatt, wenn man zu zweit unterwegs ist), die je nach Strecke und Region variieren, allerdings sollte man diese Preise zuvor auch kennen, denn sehr häufig zahlt man zumindest als Mzungu sonst einiges mehr. Allgemein gilt: Boda bodas findet man eigentlich überall, zumindest wenn ein Dorf oder ein Highway in der Nähe ist, sie fahren nahezu ausnahmslos überall hin und gegenüber einem Auto sind sie auf schmalen, matschigen, ungeteerten Straßen eindeutig im Vorteil - außerdem macht die Fahrt einfach mehr Spaß! (Zumindest solange man nicht hinfällt, ich habe da mittlerweile schon so einige Geschichten gehört…) An der Küste findet man neben den Boda bodas häufig auch noch Tuk tuks; diese aus Indien bekannten Dreiräder sind allerdings deutlich langsamer und unbequemer, wenngleich auch wesentlich günstiger, für drei Fahrgäste geeignet und irgendwie noch einmal stilvoller!

  Mit dem Tuk tuk durch Mombasa

Und das war es auch mit diesem Blogeintrag. Ich hoffe, ihr habt soweit alles nachvollziehen und verstehen können (zumindest sofern ihr das überhaupt wolltet). Ich habe mir auf jeden Fall Mühe gegeben, alles so schlüssig wie möglich und dennoch in der nötigen Ausführlichkeit zu berichten; ob mir das nun geglückt ist, könnt ihr nur entscheiden - über entsprechendes Feedback in den Kommentaren würde ich mich auf jeden Fall wieder freuen, ebenso wie über weitere Themenvorschläge, zu denen ihr euch ausführlichere Berichte wünscht!

April: Familienurlaub Teil 2 und Reise ins Zentrale Hochland

Montag, 30.04.2018

Vipi,

(ist das Fragewort für „Wie?“ und wird umgangssprachlich als Begrüßung verwendet, wobei es einem selbstverständlich immer gut [poa] geht…)

zunächst einmal wünsche ich Euch allen Frohe Ostern! Das mag kurz vor Christi Himmelfahrt vielleicht etwas unerwartet kommen, aber mir ist aufgefallen, dass ich das im letzten Eintrag vergessen hatte und wie heißt es so schön: Besser spät als nie…. Ich hoffe, ihr hattet alle ein schönes Osterfest mit vielen bunten Eiern und vielleicht ja sogar Ferien!

Ich habe Ostern zusammen mit meinem Vater und Bruder in Watamu verbracht, und da dort der letzte Bericht aufgehört hat, will ich da nun nahtlos anknüpfen und diesen Blogeintrag an der wunderschönen Küste Kenias beginnen. Nach einer langen Fahrt (mit dem Shuttle vom Tsavo West Nationalpark zum Bahnhof, dem Zug von Mtito Andei nach Mombasa, einem Matatu innerhalb Mombasas, um von der sehr weit außerhalb liegenden Endhaltestelle des Zugs zur Matatu-Station im Zentrum zu kommen, einem weiteren Matatu nach Gede 2 Stunden nördlich von Mombasa und einem Tuk tuk, das uns das letzte Stück an die Küste gebracht hat) kamen wir am Mittwoch, den 28.03.18, abends in unserer Ferienwohnung in Watamu an. Der Name der Apartmentanlage - Peponi Watamu - deutet schon darauf hin, auf wer sich neben den Kenianern im eher kleinen Fischerort heute herumtreibt: Touristen, vor allem aus Italien, kommen dorthin, um den ruhigen, warmen und an dieser Stelle sogar wirklich tiefen Indischen Ozean, die weißen Sandstrände und die kenianische Sonne zu genießen.

Eindeutig für Watamu spricht zum einen, dass es - anders als z.B. Diani Beach oder das etwas nördlicher gelegene Malindi - nicht so auf Massentourismus ausgelegt und eher voll und geschäftig ist, sondern eindeutig noch das kleine, ruhige, suahelisch-arabisch geprägte Fischerdorf im Vordergrund steht. Zugleich führt es dazu, dass selbst an Ostern die drei Strände nicht wirklich voll waren; wobei zugegeben einer der drei auch eher eine begehbare, flache Korallenlandschaft als ein Strand war - aber egal! Ziemlich schnell haben wir die Turtle Bay mit ihrem etwas außerhalb liegenden, langgezogenen und wunderschönen weißen Sandstrand zu unserer Lieblingsbadestelle erklärt, zumal diese wirklich leer und verlassen war und perfekt, um, ungestört von Kokosnuss- und Maasai-Schmuck-Verkäufern, zu entspannen oder zur „Abkühlung“ im rund 28° warmen Wasser zu schwimmen.

Neben dem Strand gibt es in der Umgebung außerdem noch einige Sachen, die man machen und sich ansehen kann, was diesen Ort optimal für uns drei gemacht hat, die wir immer gerne einiges unternehmen und erleben, und nicht nur eine Woche reinen Strandurlaub machen wollen. Und so ging es nach einem Tag Strand, an dem wir ankommen und uns erst einmal erholen und zurechtfinden wollten, direkt am zweiten Tag zum nahegelegenen Arabuko Sokoke Forest, einem unter Naturschutz stehenden Waldgebiet, das der letzte größere Überrest der ursprünglich weite Teile der kenianischen und tansanianischen Küste bedeckenden Waldlandschaft ist. Von unserem Reiseführer groß angepriesen, machten wir uns auf den Weg dorthin - und zwar mit dem Fahrrad, da der Reiseführer schrieb, der Wald eigne sich super für eine entspannte Fahrradtour, was wir uns natürlich nicht entgehen lassen konnten. Nun gab es dabei nur ein Problem: So etwas wie ein Fahrradverleih war in Watamu wie erwartet nicht zu finden; doch mit Hilfe einiger freundlicher Einheimischer gelangten wir schließlich zu einem Shop, in dem Fahrräder repariert und uns drei Stück organisiert werden konnten.

Hochmotiviert ging es in der Mittagshitze nun los in Richtung Wald, sechs Kilometer geradeaus auf einer breiten, geteerten, vor allem von Tuk Tuks und Motorrädern vielbefahren und freundlich gesagt mittelmäßig abwechslungsreichen Straße. Schon während dieser Fahrt offenbarte sich, warum zwei der drei Fahrräder zu Recht gerade in der Reparatur waren: Beim einen war der Sattel in einem ziemlich bescheidenen Zustand und nicht nur merkwürdig gekippt, sondern sank nach und nach auch immer weiter ab; das zweite Rad verfügte wie die anderen auch über eine Gangschaltung, aber diese zu verwenden, erwies sich schon nach kurzer Zeit als großer Fehler, weshalb dauerhaft ein relativ hoher Gang eingestellt war. Nur eins der drei Räder war in einem wirklich guten Zustand; dort ging sogar das anmontierte Licht!!! - Aber: Dieses Fahrrad war auch nicht in der Reparatur gewesen, sondern auf einem Motorrad hergebracht worden, vermutlich von einem Freund, der sein Rad für den Tag nicht brauchte.…

Nach dreißig Minuten Fahrradfahren durch die pralle, heftige Keniasonne und schwül-warme 31° kamen wir bereits etwas erschöpft am Eingang des Nationalparks an, wo wir entschieden, die Fahrt durch den Wald mit einem lokalen Guide unternehmen zu wollen, der allerdings noch kein Fahrrad hatte. Während er sich also auf den Weg ins nächste Dorf machte, um sich dort von einem Freund ein Rad zu leihen, wurden wir in der Zwischenzeit von seiner Schwester ein wenig beschäftigt, die uns auf einem Pfad in den Wald hineinführte und einige Sachen erklärte. Unser erster Eindruck war: „Ist halt ein Wald“, wenn auch einer mit etlichen hohen und alten Bäumen. Nun muss man noch dazu sagen, dass die Regenzeit an der Küste noch nicht angebrochen und es dementsprechend ausgesprochen trocken war, wodurch der Wald möglicherweise noch etwas unspektakulärer wirkte als sonst.

Dass es alles ziemlich trocken war, merkten wir dann auch einige Zeit später, als unser Guide mit einem Fahrrad zurückkam und wir unsere Tour starteten. Denn schon nach kurzer Zeit wurde der Weg so sandig, dass es ziemlich mühsam war, zu fahren; stellenweise waren wir sogar gezwungen, abzusteigen und zu schieben. Unser Guide motivierte uns damit, dass dies vor allem im ersten Teil des Waldes ein Problem sei und es ein Stück weiter besser würde - was soweit auch stimmte, nur war „besser“ leider immer noch meilenweit von „einigermaßen gut befahrbar“ entfernt. Von daher kämpften wir uns Stück für Stück weiter durch den eigentlich ganz schönen Wald, passierten einen Zaun, der die Waldelefanten in einem bestimmten Teil des Parks hält, viele Elefantenpfade und -haufen, verschiedene Affen und vieles mehr, doch mit der Zeit bekamen wir immer weniger davon mit, so anstrengend war die Tour. Verstärkt wurde das neben den grausamen Temperaturen noch dadurch, dass ich seit über einem halben Jahr nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen hatte, mein Vater aufgrund einer Knieverletzung auch etwas aus der Übung war und mein Bruder das mit Abstand schlechteste Fahrrad hatte...

Unser Plan war, eine Rundtour durch den Wald zu drehen, diesen dann an einem anderem Tor zu verlassen und auf dem Highway zum Hauptquartier zurückzufahren. Tollerweise wurde der Weg die letzten 5 km vor dem Ausgang so unwegsam, dass wir die ganzen Zeit schieben mussten, und als wir kurz vor Schluss dann doch noch einmal hätten weiterfahren können, riss vom nicht nur reparaturbedürftigen, sondern auch noch ziemlich billigen Fahrrad meines Bruders ein Kettenglied. Erschöpft und trotz fast fünf Litern Wasser, die wir mitgenommen hatten, etwas dehydriert, schoben wir also auch noch das letzte Stück zum Highway, wo dann die Frage war: Was nun? Zurück zum Haupteingang waren es noch fast 7 km, die Mitnahme eines Fahrrads mit Matatu oder Boda boda unmöglich und kein Tuk Tuk in Sicht, das vielleicht hätte aushelfen können.

Während wir nun alle etwas ratlos an der Straße standen, kam glücklicherweise nach einiger Zeit ein leerer LKW vorbei, dessen Fahrer unseren Guide kannte und Nils samt Fahrrad mitnahm, während mein Vater, der Guide und ich zusammen zurückfuhren, dort noch etwas selbstgepressten, sehr leckeren Saft kauften (ich habe nicht ganz verstanden, woraus der gemacht wurde, aber war wohl irgendeine lokale Frucht, die im Wald wächst) und uns nach Gede begaben, wo die Straße nach Watamu vom Highway abgeht. Dort verfrachteten wir das Fahrrad - nun zusammen mit meinem Vater - in ein Tuk Tuk, dem Nils und ich auf den übrigen beiden Rädern folgten, und fuhren zurück nach Watamu, wo wir nur noch völlig fertig über unsere eigene Dummheit lachen konnten. Wobei, wie so häufig galt auch hier: Im Nachhinein war es eigentlich ein ganz lustiger Ausflug, zumal mein Bruder mit einem LKW und ich endlich mal wieder Fahrrad gefahren bin, was an sich schon ein echtes Highlight war!

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Nahe Watamu befindet sich eine relativ kleine, gut geschützte Bucht, das Mida Creek, das ein bekanntes und ausgesprochen lohnenswertes Ausflugsziel darstellt. Von daher hat es uns am nächsten Tag zunächst dorthin verschlagen, zumal uns der - nach dem Ausflug des Vortags inzwischen bei uns nicht mehr ganz so hoch im Kurs stehende - Reiseführer empfahl, bei Niedrigwasser einen Besuch einzuplanen, um die zahlreichen, verschiedensten Vögel am besten beobachten zu können. Da diese Bucht sehr flach aufläuft, weist sie neben dem dauerhaft von Wasser bedeckten Teil vor allem ein sehr großes Gebiet auf, das tideabhängig mal geflutet ist und mal trockenliegt; und das noch einmal in zwei Gebiete unterteilt wird: Zum einen das normale, zweimal täglich unter Wasser stehende Gebiet, und zum anderen einen Bereich, den das Wasser nur bei Springflut erreicht. Dieses eher sandige Wattenmeer ist dort, wo es offenliegt, eine beliebte Rast- und Futterstelle von Zugvögeln, die z.T. sogar bis nach Südeuropa fliegen.

Doch das besondere am Creek ist nicht nur der Vogelreichtum - wer uns besser kennt, weiß sowieso, dass es gerade meinen Bruder und mich eher nicht aufgrund ornithologischer Höhepunkte irgendwohin verschlagen würde. Vielmehr zeichnet sich das Schutzgebiet durch seine Mangrovenwälder aus, die weite Teile des „Wattenmeers“ bedecken. Dabei gibt es im Mida Creek vier verschiedene Mangrovenarten, was in dieser Vielfalt nur selten vorkommt: Angeblich finden sich dort Bäume der Gelben, Roten, Schwarzen und Weißen Mangrove, wobei sich letztere durch Atemwurzeln auszeichnen, die auf einer weiten Fläche um den Stamm herum senkrecht aus dem Boden sprießen, wodurch sie auch in den noch salzhaltigeren, nur selten gefluteten Gegenden wachsen können; während die anderen Arten Stelzwurzeln aufweisen.

Zum Besucherzentrum des Mida Creeks sind wir mit einem Tuk Tuk gefahren, das uns den ganzen Weg bis nach Gede und von dort auf dem Highway ziemlich genau zu der Stelle gebracht hat, an der unsere Fahrradtour am Vortag aufgrund des gerissenen Kettenglieds vorzeitig geendet und Nils den LKW genommen hatte. Am Eingang bekamen wir dann einen Führer, und schon ging’s los: Zunächst sind wir ein wenig über das nie oder nur bei Springflut von Wasser heimgesuchte Gebiet gelaufen, wo uns allerhand zum Mida Creek, den verschiedenen Mangrovenarten, schüchternen aber durch Mangrovenblätter anzulockenden Krebsen sowie das Community project erklärt wurde, das den umliegenden Dörfern ein Einkommen einbringt und das Ökosystem aktiv durch den Tourismus, Aufklärungsarbeit und „Mangroven-Pflanz-Aktionen“ schützt und bewahrt; denn wie alle Waldgebiete in Kenia wurde auch der Mangrovenwald von Mida lange als Holzquelle genutzt, was sich bei dem ziemlich langsamen Wachstum der Bäume immer mehr zu einem Problem entwickelt hatte.

Als nächstes ging es auf einen „Hängebrücken-Steg“ durch einen Waldabschnitt, von dem aus man die verschiedenen Mangrovenarten und deren charakteristische Wurzeln genauer betrachten konnte, ohne nasse Füße zu bekommen oder im Schlick einzusinken. Wobei man dazu sagen muss, dass wir vor Beginn der Tour sowieso alle Wasserschuhe anziehen sollten, da wir übers Wattenmeer laufen mussten, um zu unseren Kanus zu gelangen, die - weil wir ja bei Niedrigwasser dort waren - ziemlich weit von uns entfernt standen. Wobei dies keine Wattwanderung im eigentlichen Sinne war, da der Untergrund des „Wattes“ ziemlich fest und sandig war und das flache Wasser, das wir immer mal wieder durchqueren mussten, eher unsere Füße verbrannte als einen Kälteschock verursachte. Zuvor haben wir noch am Ende des Stegs auf der anderen, dem Meer zugewandten Seite des Waldes, aus einem Vogelbeobachtungshaus mit mäßiger Begeisterung Vögel auf dem Wattenmeer beobachtet (zu diesem Zweck hatte unser Guide sogar extra ein Fernglas mitgenommen - großartig!)

Mit den Booten ging es dann zu einer kleinen Insel, oder zumindest zu einer etwas erhöhten, inselartigen Mangrovenansammlung, die bei Niedrigwasser ohne Probleme von überall, auch von unserem Ausgangspunkt aus, fußläufig zu erreichen gewesen wäre, was sogar wesentlich schneller, dafür aber natürlich weniger cool und geldeinbringend sein dürfte. Dadurch wirkte die „Insel“ eher wie eine kleine Baumgruppe inmitten des sandigen „Wattenmeeres“, und nach einer kurzen Umrundung dieser ging es mit den Booten dann schon wieder zurück, womit der Besuch des Mida Creek auch zu Ende war.

Auf dem Rückweg statteten wir in Gede noch den dortigen Ruinen einen Besuch ab. Diese stammen größtenteils aus dem 16. und 17. Jahrhundert und bieten einen guten Einblick darin, wie früher eine traditionelle „Suaheli-Stadt“ ausgesehen haben mag - mitsamt Moschee, Tempel, Wohnhäusern und innerer und äußerer Mauer. Doch mindestens genauso interessant wie die Ruinen selber waren die riesigen, uralten Bäume, die seit Jahrhunderten dieses Gebiet erobert haben und nun eindrucksvoll in den Ruinen verwurzelt sind, ebenso wie die darin herumspringenden Meerkatzen, die schon darauf getrimmt zu sein schienen, nach Bananen in den Händen der Besucher Ausschau zu halten und in Erwartung auf eine Belohnung auf deren Schultern zu springen - immerhin ein sehr schönes Fotomotiv…

Mit dem Besuch der Gede Ruins hatten wir dann auch alle Ausflugsziele in der Nähe abgehakt, die wir besichtigen wollten. Von daher standen an unseren letzten beiden Tagen in Watamu nun doch noch Strand und Meer im Vordergrund, was auch mal ganz schön war. Nebenbei waren dies auch die beide Ostertage, auch wenn man das abgesehen von der etwas erhöhten Touristendichte nicht wirklich merken konnte - die Küste Kenias ist eben muslimisch geprägt, zumal auch in den anderen Landesteilen die meisten Geschäfte an Sonn- und Feiertagen geöffnet haben. Einzig erwähnenswert war noch unsere Schnorcheltour am Ostersonntag, die direkt von einem der Strände aus angeboten wurde und in den nahegelegenen Watamu Marine Nationalpark ging, wo man in und zwischen Korallen verschiedenste, meist knallbunte Fische beobachten konnte. Zugegeben konnte die Tour nicht so ganz mit dem Schnorcheln vor Wasini Island mithalten, das ich mit den Ngong-Freiwilligen Anfang Dezember gemacht hatte, aber war dennoch ganz cool – abgesehen von der billigen Schnorchelausrüstung, in die ständig Wasser eindrang.

Zum Abschluss des Strandurlaubs nutzten wir am Montagabend noch einmal die Herkunft der meisten Touristen Watamus, und zwar selbstverständlich in einem sehr leckeren, klassisch-italienischen Restaurant, was meine vom normalen kenianischen Essen eher unterforderten Geschmacksnerven vor Freude fast in die Luft springen ließ. Zumal italienisches Essen sich für das dort vorherrschende, schwül-heiße Klima (die Temperaturen schwankten zwischen 31° (tagsüber) und 27° (nachts)) perfekt eignete. Und mit diesem kulinarischen Highlight war unser Aufenthalt in Watamu dann auch vorbei; womit sich gleichzeitig auch unser gemeinsamer Urlaub unaufhaltsam dem Ende näherte.

Zwar wärmer als ne Badewanne, aber wer beim Schwimmen gerne schwitzt... Eine Fahrradtour durch den Arabuko Sokoke Forest - eine super Idee! Der Steg durchs Mida Creek Eine Mangroven-Pflanzaktion Eine Seefahrt die ist lustig - wenn in diesem Fall auch wenig spektakulär! Die Gede-Ruins zeigen gut erhalten den Aufbau einer alten Suaheli-Stadt In diesem Uuuuuuuuuuuuuuuuk!!!!!!!!!!! ...

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Da noch ein paar Tage übrig waren, hatten wir noch Zeit, an einen weiteren Ort zu fahren und uns dort umzusehen. Da allerdings in weiten Teilen des Landes schon seit einem Monat eine ungewöhnlich starke Regenzeit herrschte und uns von einigen Orten (u.a. Naivasha, wo wir eigentlich hin wollten) explizit abgeraten wurde, wo man aufgrund des Matsches vieles nicht hätte machen können, entschieden wir uns, ganz in den Westen Kenias nach Kisumu am Viktoriasee zu fahren. Die Überlegung dahinter war ganz einfach: Im Westen regnet es mehr oder weniger ganzjährig, in der Regenzeit zwar mehr als sonst, aber dennoch hofften wir, dass wir nicht so eingeschränkt wären, weil der Unterschied zu sonst nicht so gewaltig ist wie anderenorts.

Nun gab es dabei vor allem ein Problem: Wir waren an der Küste Kenias im Südosten des Landes und wollten ganz auf die andere Seite - fast 800 km Fahrt, was bei der Straßen- und Verkehrssituation in Kenia eine ungeheure Entfernung ist. Also blieb uns nichts anderes übrig, als über Nacht mit dem Bus von Mombasa nach Kisumu zu fahren. Und so machten wir es dann auch: Am Dienstag, den 03. April, ging es zunächst mit dem Tuk Tuk nach Gede und von dort weiter nach Mombasa; wir wurden von einem Kenianer mitgenommen, der auf dem Weg nach Mombasa war und in Gede Mitfahrer suchte, um sich mit der Fahrt noch ein kleines Zubrot zu verdienen. Am Booking Office unserer Busgesellschaft angekommen, fiel mir dann, nachdem wir uns vom Fahrer verabschiedet und ihm versichert hatten, dass wir alles haben, auf, dass offensichtlich mein Portemonnaie aus der Tasche gefallen und im Auto liegengeblieben war - erneut mit einer Menge Bargeld und meiner Kreditkarte; offensichtlich habe ich nach dem ersten Mal echt nichts dazu gelernt!

Ziemlich verzweifelt fing ich, nachdem wir alles durchsucht hatten, an, mich mit den dortigen Mitarbeitern zu unterhalten und herauszufinden, ob man vielleicht über die Videoüberwachung das Nummernschild und anschließend mit Hilfe der Polizei die Handynummer des Fahrers herausfinden könnte, da wir keine Kontaktdaten von ihm hatten - ein ausgesprochen aussichtsloses Unterfangen in Kenia, aber versuchen musste ich es wenigstens. Zu meiner riesigen Erleichterung kam dann, während ich noch diskutierte, unser Fahrer vorgefahren, der offensichtlich im Nachhinein noch einmal das Auto genauestens durchsucht hatte (das Portemonnaie muss unter dem Sitz in der hintersten Reihe gelegen haben; da schaut man im Normalfall halt nicht so schnell hin) und zu Recht vermutete, dass unser Bus noch nicht losgefahren war. Zum zweiten Mal während dieses Urlaubs hatten wir also fast unverschämtes Glück; und wie einer der Sicherheitsbeamten nur meinte: „Kenyans are good people, aren’t they?“ - zumindest die meisten!

Tatsächlich fuhr unser Bus noch nicht so direkt und wir hätten theoretisch noch wesentlich länger dort warten und hoffen können, aber so hatten wir noch über zwei Stunden Zeit, uns wie geplant Mombasa anzusehen. Da ich durch die Stadt mittlerweile nun schon zum sechsten Mal durchkam und auch schon zweimal besichtigt hatte, konnte ich die anderen beiden in erster Linie ein wenig herumführen und den Markt, die Altstadt, Fort Jesus, einen Hindu-Tempel sowie das Wahrzeichen Mombasas zeigen, die „Pembe Za Ndovu“ (oder auch Mombasa Tusks; zwei große, metallene Stoßzahnpaare, die jeweils eine Seite einer der größten und vielbefahrensten Straßen in Mombasa „überbrücken“).

Das Fort Jesus in Mombasa Und das wunderschöne Wahrzeichen: Die 'Mombasa Tusks'

Nachmittags um 4 Uhr fuhr unser Bus dann nahezu pünktlich ab, in dem wir die nächsten 16 Stunden - leider größtenteils wach - verbrachten, sodass wir am nächsten Morgen gegen 8 Uhr in Kisumu ankamen. Und es war wirklich erstaunlich zu sehen, wie unterschiedlich die drei Millionenstädte Kenias sind; Nairobi, Mombasa und Kisumu sehen alle ziemlich anders aus und haben ein völlig unterschiedliches Stadtbild, die Verkehrsmittel sind jeweils speziell (in Nairobi werden die Straßen viel von großen, bunten und lauten Matatus dominiert, in Mombasa finden sich vor allem Tuk Tuks und kleinere Matatus, während in Kisumu sehr viele Boda bodas, sowohl Motorrad- als auch Fahrradtaxis, unterwegs sind) und auch die Stimmung / die Umgangsweise der Menschen scheint wirklich verschieden. Was alle drei Städte gemein haben, ist, dass Wazungu nicht so sehr aufzufallen oder sich die Leute zumindest nicht so sehr für einen zu interessieren scheinen und man dementsprechend wenig „Mzungu-Rufe“ hört, was gerade in Kisumu, das in vielerlei Hinsicht mehr wie ein großes und volleres Dorf wirkte, etwas verwirrend und gleichermaßen sehr angenehm war.

Da wir von der Fahrt über Nacht ziemlich geschafft waren und das eher warme und schwüle Klima (auch wenn es nicht ganz so schlimm war wie an der Küste) nicht wirklich zu weiteren Aktivitäten motivierte, haben wir am ersten Tag nicht allzu viel gemacht und uns nur ein wenig in der Stadt umgesehen, wo wir u.a. zu dritt einen riesigen Tilapia verspeist haben - selbstverständlich serviert mit Sukuma Wiki, einer Art Grünkohl, die in Westkenia bei fast jeder Mahlzeit dabei ist. Allgemein findet man in Kisumu einfach überall Nilbarsch, der direkt im angrenzenden Viktoriasee gefischt und von dort in weite Teile Kenias und ins Ausland exportiert wird.

An den anderen beiden Tagen, die wir noch in Kisumu hatten, haben wir jeweils einen Ausflug in ein Naturschutzgebiet unternommen: Am Mittwoch ging es zur Ndere Island, einer kleinen, menschenleeren Insel im Viktoriasee mit einer schönen Landschaft und angeblich sogar Zebras und Nilpferden; auch wenn wir diese leider nicht zu Gesicht bekamen. Um dort hinzukommen, musste man ungefähr eine Stunde von Kisumu mit dem Matatu fahren und sich anschließend noch einmal 30 min mit dem Boda Boda ans Seeufer bringen lassen, wo man Eintritt bezahlt (über MPesa, also mit dem Handy, was an einem Ort mit nahezu keinem Netz eine gewisse Schwierigkeit darstellte) und dann mit einem Boot auf die Insel gefahren wird. Da wir erst ziemlich spät los kamen, sahen wir, sobald wir auf der Insel den Berg erklommen hatten, wie sich am Ufer Regenwolken sammelten und nach und nach den halben Horizont bedeckten; im Normalfall regnet es in dieser Region vor allem nachmittags und abends. Glücklicherweise schaffte es der Regen nicht bis zur Insel, doch auf dem Rückweg hatte unser Boda Boda ziemliche Probleme mit der matschigen Straße - wobei anders als in meiner Region die Bewohner im Westen Kenias Matsch mehr als gewohnt sind, weshalb dort auch jeder Gummistiefel besitzt.

Den darauffolgenden Tag haben wir das Kakamega Forest National Reserve besucht, das das letzte größere Gebiet des ehemals weite Teile Ostafrikas bedeckenden Regenwalds beschützt. Neben vielen großen Bäumen und Affen gab es dort selbstverständlich auch Regen; und wie mein Bruder anmerkte, war der Wald ansonsten weniger spektakulär als sein Ruf und ähnelte dem Wald, den wir in Ghana vor zwei Jahren schon besichtigt hatten, doch ziemlich. Dennoch war es sehr schön, durch die Landschaft zu wandern und das Geräusch vom Regen, der auf das Blätterdach und durch die vielen Schichten des Waldes fiel, zu genießen.

In der ehemaligen Kolonialistenstadt gibt es viele Inder - und somit auch einen Hindu-Tempel Die Ndere Island im Viktoriasee

Welch Wunder: Im Regenwald ... und jede Menge großer Bäume

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Und danach war es das auch schon, denn Samstagmorgen sind wir mit dem Bus zurück nach Nairobi gefahren, wo am nächsten Abend mein Vater und Bruder das Flugzeug betreten und mich in Kenia zurückgelassen haben ;D. In diesen drei Wochen sind wir zusammen so viel durch dieses großartige Land gereist, haben so viel gesehen, so viele coole Sachen gemacht und so viele verschiedene Orte besucht (Nairobi - Kithyoko - Amboseli NP - Tsavo West NP - Watamu - Kisumu). Und auf einmal war ich nun wieder alleine und hatte erst einmal nichts mehr zu tun, da ja Ferien waren und das Projekt dementsprechend geschlossen. Nichtsdestotrotz bin ich erst einmal nach Kithyoko gefahren und habe mich dort ausgeruht, von dem doch insbesondere für mich auch anstrengenden Urlaub, schließlich habe ich das meiste geplant und fühlte mich gewissermaßen für die Reise verantwortlich, erholt und im Haushalt des Parish mitgeholfen, wo ich konnte.

Einzig erwähnenswert ist neben der ausgesprochen grünen Landschaft, den immer weiter wachsenden Mais-, Bohnen- und Ndengu-Feldern und dem anhaltend ungewöhnlich vielen Regen noch, dass ich Alex, einen Lehrer aus dem Projekt, zu Hause besucht habe, in dessen Nähe - wie ich dort erfahren habe - auch noch Alice und Catherine wohnen, zwei weitere Mitarbeiterinnen des „MEDGO DEAR Centres“. Vor allem habe ich auch dort gestaunt, wie grün alles geworden ist und wieder einmal gesehen, wie viele Menschen selbst weit weg von größeren Straßen - geschweige denn vom geteerten Highway - ihre Grundstücke und Felder haben. Für Alex‘ Familie ist der Regen tatsächlich sogar zu viel, da der Lehmboden auf ihrem Grundstück nicht so viel Wasser aufnehmen kann und die Felder erodiert, zumal sich auf einem Teil des Grundstücks auch das Wasser sammelt und ein Feld größtenteils geflutet ist - sehr praktisch bei wenig, problematisch aber bei viel Regen; und diese Saison ist der Regen sehr viel!

  Regen = Stromausfall im Regen - das wertet das Getränk gleich auf! Die meisten Felder stimmen sehr optimistisch ... ... aber zu viel ist zu viel - wie alles hat auch der Regen eine Kehrseite Tuimbe: Ein Riesenbaum am nächsten Fluss von Alex' zu Hause Und wieder mal zieht Regen auf - die Rückfahrt war leider auch dementsprechend nass

In der letzten Aprilwoche habe ich noch eine weitere Reise unternommen, und zwar in die Central Region von Kenia; bzw. zu Deutsch: Ins Zentrale Hochland. Und der Name ist Programm, da tatsächlich weite Teile der Region auf über 1800 Metern liegen, z.T. auch noch deutlich höher. Die Region ist eher kühl, regenreich und somit sehr fruchtbar und grün, was auch erklärt, warum es (abgesehen vom Großraum Nairobis) die am dichtesten besiedelte Gegend Kenias ist. Das Hochland ist Stammgebiet der Kikuyu, die mit über 20% Bevölkerungsanteil der mit Abstand größte Volksstamm dieses Landes sind und drei der vier bisherigen Präsidenten gestellt haben. Warum ich das gerade erwähne? Das ist eigentlich eine gute Frage, vielleicht nur, weil aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte sowie überdurchschnittlich hohen staatlichen Investitionen (wie das nur kommt…) die Infrastruktur überraschend gut scheint und das Zentrum der Provinzhauptstadt Nyeri für die gerade einmal rund 120.000 Einwohner ausgesprochen groß und modern aussieht. Oder auch einfach, weil mein ursprüngliches Projekt in der Central Region lag und ich Sprache und Musik der Kikuyu tatsächlich eindeutig lieber mag als die der Kambas. Doch ehrlich gesagt ist das alles nur Träumerei und es hätte auf jeden Fall wesentlich schlechter laufen können, zumal Kithyoko, mein Projekt und meine Unterbringung nun auch etliche Vorteile haben.

Aber zurück zur Reise: Da mein Mitbewohner Father Titus vor einigen Wochen meinte, dass die Kapuziner (ich habe mittlerweile herausgefunden, dass meine Mitbewohner gar nicht „normale“ Franziskaner sind, sondern dem Kapuzinerorden angehören…) bei Nyeri eine andere Gemeinde haben und ich die Priester dort gerne mal besuchen könnte, machte ich mich einen Tag, bevor ich mich mit Mitfreiwilligen beim Mt. Kenya treffen wollte, auf den Weg dorthin. Die Fahrt von Kithyoko über Thika und Nyeri nach Kigogoini, wo sich das andere Parish befindet, gestaltete sich mit fünf Matatus und rund acht Stunden Fahrt zwar als wesentlich aufwendiger als gedacht, aber war ansonsten wirklich interessant und die durchquerte Landschaft wunderschön, zumal ich Matatu-Fahren in Kenia sowieso liebe.

In Kigogoini angekommen bewahrheitete sich in kürzester Zeit so ziemlich alles, was Father Titus, der das Parish vor acht Jahren mit gegründet und dort vier Jahre lang gearbeitet hatte, mir zuvor angekündigt hatte: Die Gegend war wunderschön grün, auf den Berghängen fanden sich überall Teefelder, es regnete viel (am darauffolgenden Tag wollte es gar nicht mehr aufhören!) und vor allem war es verdammt kalt! Auch wenn ihr mir da bei den herrschenden 12-18° C wohl nicht so wirklich zustimmen dürftet, aber nachdem ich seit Monaten nur noch im warmen Kithyoko oder - im Urlaub - in ähnlich warmen Regionen war, fühlte es sich an wie eine Eiszeit. Und obwohl ich dank Father Titus‘ Warnung Pulli, Fließjacke und Regenjacke mithatte, mein Gästebett über drei Decken verfügte und mir dementsprechend nicht richtig kalt geworden ist, habe ich mir selbstverständlich direkt eine Erkältung zugezogen.

Davon abgesehen war der Besuch aber echt toll und lohnenswert und die beiden Priester wirklich cool. Als ich ankam, war Father Walter gerade in der Küche, da bei ihnen die Köchen montags genau wie sie selber frei hat; es gab einen leckeren Eintopf aus Kochbananen, Kartoffeln, Zucchini und Spaghetti (irgendetwas habe ich bestimmt noch vergessen), ein Essen, das - soweit ich das bisher mitbekommen habe - v.a. bei Kikuyu und Maasai verbreitet ist und in dessen Genuss ich dort zum ersten Mal kam. Nachdem ich mein Zimmer bezogen und geduscht hatte, habe ich mich mit meinem Tee dann zu Walter gesellt, um ihm zu helfen und mich vor allem mit ihm zu unterhalten, woraufhin sich sein Kollege (der übrigens aus Uganda stammt) kurz darauf echauffierte, was Walter denn für ein „afrikanischer Gastgeber“ sei, dass sein Gast in der Küche steht - Hehe, der Gast war eben kein Afrikaner…!

Da meine Mitfreiwilligen Nairobi erst gegen Mittag verließen und ihre Reise trotz „Shuttle“ wesentlich länger war als meine, nutzte ich nach Messe um 6.30 Uhr und einem anschließend tollen Frühstück mit Pfannkuchen den Vormittag, um mit Walter zunächst zu einer kleinen Schweinefarm in der Nähe zu fahren, die der Kapuzinerorden erworben hatte, nachdem das Parish in Kigogoini gegründet worden war. Auf dem Weg dorthin habe ich dann noch einige interessante Dinge über die katholische Kirche und den Orden in Kenia erfahren, u.a. dass die Bistümer nach und nach ihre riesigen Gemeinden aufteilen - so wie es in Kithyoko ja auch geschehen ist - und dementsprechend neue Gemeinden gegründet werden, sodass an allen Standorten jeden Sonntag Messen abgehalten werden können. Diese neuen Gemeinden werden häufig Missionaren wie den Kapuzinern überlassen, die dort erst einmal eine gewisse Infrastruktur (so was wie Pfarrhaus, Mariendenkmal und ggf. Kindergarten / Grundschule) und Verwaltung aufbauen.

Nach einigen Jahren, wenn dies alles beendet ist, übernehmen laut Walter die jeweiligen Bistümer dann wohl diese Gemeinden und setzen ihre eigenen Priester ein, sodass die Missionare, die zuvor „die ganze Arbeit hatten“, mehr oder weniger rausgeschmissen werden. Und bis eine neue Gemeinde für sie gefunden wurde, können sie auf der Farm leben. Anschließend habe ich noch einen Spaziergang unternommen und mich so etwas in der Umgebung umgesehen, und nachdem ich mit den Priestern zu Mittag gegessen und mich verabschiedet hatte, machte ich mich auf den Weg nach Naro Moru, wo ich am Nachmittag dann Sarah, Clara und Alissa (alle aus Ngong) sowie Silas (ursprünglich aus Migori, wo ich ihn im November besucht habe; mittlerweile ist er aber nach Kericho gewechselt) und seine Schwester, die derzeit zu Besuch war, traf.

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In Naro Moru angekommen, wurden wir dann schon von etlichen Einheimischen in Empfang genommen, die uns alle ihre Dienste als „Führer“ auf den Mt. Kenya anbieten wollten, denn von dem Dorf aus starten die meisten Bergbesteigungen, und was sollte sechs Wazungu sonst dorthin verschlagen. Die Leute waren zwar ziemlich nervig, zumal wir gar nicht vorhatten, den höchsten Berg Kenias in einer mehrtägigen Tour zu erklimmen, sondern nur einen Tag lang ein Stück hochzuwandern, aber auf der Suche nach einer vernünftigen und billigen Unterkunft doch von Vorteil, und so brachten sie uns zu einem „Hotel“ am Rande der Stadt, wo wir für uns sechs zusammen gerade einmal 1000 Shilling (rund 8,50€) pro Nacht bezahlen mussten- zugegeben haben wir jeweils zu zweit in einem Bett übernachtet, aber dennoch ist der Preis noch unschlagbar.

Wie geplant haben wir uns am nächsten Tag dann zum Mt. Kenya Nationalpark begeben, um dort für einen Tag zu wandern. Dazu mussten wir zunächst vom auf 2100m in der Ebene liegenden Naro Moru zum rund 200m höheren Eingang fahren – nachdem uns die Taxifahrer mit 3000 ksh einen ziemlich unverschämten Preis gemacht hatten, haben wir jeweils zu zweit ein Boda Boda genommen, was mit 300 Shilling pro Motorrad für die 18km wiederum ausgesprochen günstig war. Vor allem, weil die Straße z.T. recht unwegsam und matschig war und eines der Motorräder schon ziemliche Probleme hatte, den Weg zu meistern. Dort angekommen stellten wir, nachdem wir Eintritt gezahlt und den Park betreten hatten, fest, dass der „Wanderweg“ die ersten 9 km bis zu einer Hütte eine breite geteerte Straße ist, auf der Fahrzeuge gut bis dort gelangen können – die aber zum Wandern nicht allzu schön ist, schon gar nicht, wenn man nur einen Tag Zeit hat und die Strecke gleich zweimal gehen muss.

Und während wir etwas enttäuscht der Straße folgten, kam tatsächlich ein Auto vorbei, dass auf dem Weg zur Hütte war und uns freundlicherweise mit dorthin nahm, sodass wir unsere weitere Tour von da aus auf 3000 Metern starten und einem wesentlich kleineren Fußweg bergauf folgen konnten. Das Wetter spielte leider, wie in der Regenzeit zu erwarten war, nicht so ganz mit, und so wanderten wir mal unterhalb der Wolken durch Regen, mal durch Nieselregen innerhalb der Wolken, und manchmal war es sogar trocken. Die Folge davon war, dass wir nicht nur abgesehen von zwei Kenianern (die aber vermutlich nur Nachschub zu einer Hütte weiter oben brachten) die einzigen Gäste auf diesem Teil des Mt. Kenya waren, sondern auch der Weg immer matschiger und rutschiger wurde, sodass wir begannen, uns Gedanken über den wesentlich schwierigeren Rückweg zu machen und Wetten abzuschließen, wer denn wohl als erstes hinfallen würde – übrigens sind Silas und ich als einzige ausgerutscht, aber das tut jetzt nichts zur Sache....

Davon abgesehen war der Ausflug aber wirklich lohnenswert, die Landschaft atemberaubend schön und vor allem ziemlich anders als alles, was wir sonst schon aus Kenia kannten; besonders beeindruckend fanden wir, dass diese Bambus- und sonstigen Wälder auf über 3000 m über dem Meeresspiegel liegen, einer Höhe, die in Deutschland nicht mal die Zugspitze erreicht und bei der schon 1000 Meter weiter unten die Vegetation aufhört. Kurz bevor wir auf rund 3400 Metern umkehrten, passierten wir dann auch noch die Baumgrenze des Mt. Kenya, und die Waldlandschaft änderte sich von jetzt auf gleich in eine Wiese mit großen Steinen und trockenen Büschen. Dieser abrupte Übergang war wirklich interessant zu sehen und umso beeindruckender, weil er so unerwartet und plötzlich kam und wir dadurch noch das von Silas und mir zuvor spaßeshalber festgelegte Tagesziel erreichten, als wir schon am Aufgeben waren. Dort konnten wir im Nebel dann auch den weiteren Wegverlauf nicht mehr erkennen, sodass wir uns anschließend auf den langen Weg zurück machten – dieses Mal mussten wir schließlich bis ganz zum Gate laufen, und leider kam auch kein Auto mehr, mit dem wir ein Stück hätten abkürzen können.

Die Landschaft von Kigogoini ist doch noch was schöner als Kithyoko in der Regenzeit! Auf dem Mt. Kenya: Hier gab's noch Bäume ...

... aber kurz darauf war dann auch Schluss Wuhuu, DREITAUSENDVIERHUNDERT Meter!

Da wir aufgrund des Wetters nur einen Tag auf dem Berg verbringen wollten, und es in der Nähe von Naro Moru nichts anderes gab, was uns noch interessierte, sind wir dann am darauffolgenden Tag nach Nyeri gefahren – irgendwie kam mir diese Strecke schon ziemlich bekannt vor, ebenso wie die Stadt selber, in der ich zu Beginn der Reise ja schon zweimal umgestiegen war. Da die Fahrt nicht allzu lang war, kamen wir schon mittags im Hostel an, und weil die vier Mädchen nicht wirklich motiviert waren, etwas zu unternehmen, sind Silas und ich dann alleine losgezogen und haben auf unserem Spaziergang u.a. die Reichengegend Nyeris mit lauter hinter Mauern versteckten großen und mit Ziegeln bedeckten Häusern, einen seit Kolonialzeiten existierenden Golfplatz, der größer war als alles, was wir (zugegeben keine großen Golffans) bisher in Deutschland gesehen hatten, und einer imposanten, riesigen, neu gebauten anglikanischen Kirche gesehen.

Nun muss man dazu wissen, dass Nyeri seit jeher eine besondere Rolle für die englischen Kolonialherren spielte, war sie doch als „Hauptstadt“ der fruchtbaren und für die Weißen bestimmten Central Region gegründet worden. Von daher ist es auch logisch, dass die anglikanische Kirche, der nun einmal die meisten Kolonialisten angehörten, in dieser Gegend besonders stark und verbreitet und somit der Sitz des Bistums „Mt. Kenya West“ dementsprechend groß und prächtig ist. Schmälern tut dies das imposante und architektonisch beeindruckende Bauwerk dennoch nicht; auch wenn man ihm nichtsdestotrotz eindeutig ansieht, dass es in Kenia steht: So gab es eine fette Soundanlage, die Inneneinrichtung war – sage ich mal – interessant und die riesige Kirche nur halb bestuhlt, und zwar mit fünf verschiedenen Arten hässlicher, kenianischer Plastikstühle….

Der eigentliche Grund für unseren Besuch Nyeris bestand aber weniger aus den beeindruckenden Bauten der Stadt und der wunderschönen Umgebung, die wir besichtigen wollten, sondern vielmehr planten wir einen Ausflug zum in der Nähe liegenden Aberdare Nationalpark am nächsten Tag. Die Aberdares sind eine Bergkette nördlich von Nairobi auf über 3000 Metern, die größtenteils von Regenwald, Bambuswald, Savanne und Moorland bedeckt werden und zweifelsohne zu den schönsten Gegenden Kenias gehören. Neben dieser landschaftlichen Vielfalt sind im Nationalpark u.a. noch die „Big Five“ beheimatet (wobei sich der Park aufgrund der dichten Vegetation nicht wirklich zum Tiere beobachten eignet), außerdem hat der Park einige große, beeindruckende Wasserfälle zu bieten. Zudem ist das Gebiet essentiell wichtig für Kenia, da hier das wichtigste Wassereinzugsgebiet des Landes liegt, dessen Wasser nicht nur Nairobi und Nyeri versorgt, sondern auch noch den größten Fluss des Landes, den Tana River, speist, von dem z.B. auch bei mir das Wasser kommt.

Gemeinsam mit einem Fahrer, den wir zuvor erfragt hatten, haben wir die Aberdares für einen vollen Tag besucht. Eines der Highlights unseres Ausflugs kam gleich zu Beginn, als wir auf dem Weg zum ersten Wasserfall einen Leoparden, der auf der Straße lag, aufscheuchten. Leider waren wir so schnell unterwegs, dass wir nur einen kurzen Blick auf ihn erhaschen konnten, bevor er ins Gebüsch geflohen war, aber trotzdem war es toll, ihn zu sehen, insbesondere, weil wir alle gar nicht damit gerechnet hatten, groß Tiere im Park zu sehen. A pro pro Tiere: Neben dem Leoparden kamen wir übrigens u.a. auch noch an Büffeln, Warzenschweinen, Hyänen und einem Serval vorbei - also so viel dazu, dass man im Park nichts sieht... Aber mindestens so überraschend wie der Tierreichtum, der uns mitten in der Regenzeit in einem extrem waldigen Gebiet erwartete, war der Wechsel zwischen den einzelnen Landschaften. Insbesondere der Übergang des (Bambus-)Waldgebiets in Grassavanne war, wie schon die Baumgrenze auf dem Mt. Kenya, sehr abrupt, nur dass dies dieses Mal nicht einmal mit dem Höhenunterschied erklärt werden konnte. Aber Kenias Natur ist einfach voller Mysterien!

Und auch der eigentliche Grund, weshalb wir die Aberdares besucht hatten, übertraf alle Erwartungen: Insbesondere der erste Wasserfall, die ca. 30 Meter hohen Chania Falls, waren ein wunderschöner Anblick in der feuchten, grünen Umgebung, die sich sehr von der umliegenden Grassavanne abhob; zumal wir den Wasserfall von allen Seiten bestaunen konnte. Nach einem weiteren, nicht ganz so besonderen Wasserfall, haben wir uns dann zum Schluss noch zu den Karuru Falls begeben, die in drei Stufen insgesamt 272 Höhenmeter zurücklegen und damit zu den größten Wasserfällen Kenias zählen. Um dorthin zu gelangen, mussten wir rund 5 km durch den Park wandern, da der Weg dorthin in der Regenzeit für ein „normales“ Auto nicht passierbar ist.

Allgemein kann man den Wasserfall nur von zwei Aussichtsplattformen oberhalb der ersten Stufe beobachten, doch auch schon von dort ist die schiere Größe der Attraktion sowie der Blick auf das riesige Tal zu seinen Füßen einfach atemberaubend, und das Geräusch der Wassermassen, die zweimal jeweils über 100 Meter in die Tiefe stürzen, auch von oben ausgesprochen laut. Daneben gibt es noch die beinahe genauso hohen Gura Falls, die sich von der Plattform aus gut sichtbar auf der gegenüberliegenden Seite des Tals befinden und dem Ort noch die Krönung aufsetzen. Alles in allem war es ein großartiger Tagesausflug und ein wundervolles Ende für die einfach unbeschreiblich coole Reise (die zweite in einem Monat); denn am nächsten Morgen trennten sich in Nyeri unsere Wege: Ich bin über Thika zurück nach Kithyoko gefahren, während sich der Rest auf den Weg nach Nairobi bzw. weiter nach Ngong gemacht hat.

Auf in die Aberdares: Gleich zu Beginn sahen wir Büffel ...

Auf in die Aberdares: Gleich zu Beginn sahen wir Büffel ... ... Affen im Bambuswald ... ... und Menschen (?) Und auf einmal wurde der Wald zur Steppen- / Moorlandschaft

Der erste Wasserfall: Die Chania Falls Der Schatz am Ende des Wasserfalls (bitte nicht falsch verstehen!) Toyota Corollas können einfach alles! Hier geht es über 100 Meter runter - und das ist nur die erste Stufe... Der Wasserfall im Hintergrund sind die Die erste Stufe der Karuru Falls Auf dem Rückweg kamen wir noch Wildschweinen ... ... und einem abgestorbenen Bambuswald vorbei

 

Und mit dieser Reise ging nicht nur ein grandioser Monat zu Ende, in dem ich wahrlich unglaublich viel durch Kenia gereist bin und so viele tolle Orte und Dinge gesehen habe, sondern auch meine Ferienzeit; so ging für mich am 30. April die Arbeit wieder los. Und mit dem Ende des Monats ist nun auch dieser Monatsrückblick vorbei, der schon wieder viiiiiiel zu lang geworden ist; immerhin: Die nächsten dürften wieder etwas kürzer ausfallen, denn so viel wie in diesem Monat werde ich in der Schulzeit sicher nicht erleben und zu berichten haben - was auch mal wieder sehr angenehm sein dürfte.

Bis dänne

Ole

März: Ende des ersten Terms und Familienurlaub Teil 1

Samstag, 31.03.2018

Inakuwaje, (dieser grammatikalisch nicht wirklich korrekte Ausdruck meint How is it? und dient dementsprechend in erster Linie als Begrüßung zwischen jungen Kenianern, vor allem an der Küste)

dieses Mal habe ich es leider ganz und gar nicht geschafft, mich einigermaßen pünktlich mit diesem Blogeintrag zu befassen, da in der zweiten Märzhälfte mein Vater und Bruder nach Kenia kamen und wir ein so volles (und tolles) Programm hatten, dass ich meinen Bericht erst einmal zurückstellen musste, aber besser spät als nie, zumal es wirklich einiges zu berichten und viele Bilder aus dem Familienurlaub zu bestaunen gibt - aber dazu komme ich erst später, denn auch davor ist noch so einiges in Kithyoko passiert….

Vielleicht kann sich der / die eine oder andere von euch noch daran erinnern, dass sich Ende Februar erst Musyoka, dann mein Portemonnaie und zu guter Letzt Agnès verabschiedet hat, und wenn ich dachte, damit wäre es das auch erst mal gewesen, so lag ich ziemlich falsch: Direkt am 01. März teilte mir Mwende (Sisters Stellvertreterin) mehr oder weniger beiläufig im Gespräch mit, dass sie gleich nach Nairobi fahren und nicht mehr zurückkehren würde, weil sie den Job aufgegeben habe / wurde - das ist eine lange Geschichte mit einigen Missverständnissen, die ich hier nicht weiter aufführen möchte. Dies kam für Rebecca und mich ziemlich überraschend und war erst einmal ein Schock, war Mwende doch diejenige, die in den meisten Dingen erste Ansprechperson und Rebeccas Mitbewohnerin war und - so blöd das auch klingen mag - auf uns einfach am normalsten / westlichsten wirkte, was in Anbetracht dessen, dass sie den Großteil ihres Lebens in Nairobi verbracht hat, auch nicht weiter verwunderlich ist. Und meiner Meinung hinterlässt Mwende, die ungefähr zeitglich mit mir ins Projekt kam, um Sister unter die Arme zu greifen, auf jeden Fall eine Lücke, die nicht so leicht zu füllen ist, sowohl arbeitstechnisch, als auch als einzige im Projekt, die uns wirklich verstehen konnte.

Wie um diesen Weggang gebührend zu untermauern, fing es in dem Moment, wo Mwende sich nach Nairobi aufmachte, an zu regnen. Womit ich schon gleich beim nächsten Thema bin: Denn die eigentlich nicht vor dem 20. März erwartete Regensaison ging dieses Jahr bedeutend früher (eben schon am 1.) los, und dies nicht nur in meiner Region, sondern in weiten Teilen Kenias. Zusätzlich dazu, dass der Regen wesentlich früher als normal einsetzte, sind die Schauer in Kithyoko auch überdurchschnittlich viele - diese Regensaison ist bisher sehr vielversprechend in Bezug darauf, der gesamten Region nach etlichen problemreichen Jahren mal wieder eine wirklich gute Ernte zu bescheren; ich bin da auf jeden Fall sehr zuversichtlich, dass es dieses Mal etwas wird. Zumindest so enden wie das Feld, das ich letztes Jahr bestellt habe, kann es schon mal nicht mehr, denn schon jetzt sind die Ndengu- und Maispflanzen bedeutend größer, als sie es beim letzten Mal je wurden.

Das ganze Ausmaß der Regensaison zeigte sich dann in einem extrem heftigen Schauer einige Tage später, der auf einen Schlag die Flüsse füllte, frisch gepflanzte Felder in Seen verwandelte (und z.T. durch Erosion beschädigte), auf dem Weg zum tiefsten Punkt überall Sturzbäche entstehen ließ und ein rund 80cm tiefes Loch im Projekt, in das von außen kaum Wasser gelangen kann, nahezu bis zum Rand füllte. Nach gut einer Stunde war dieser Weltuntergang dann auch vorbei, vor dem sich zum Glück jeder im Projekt rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte (es war Duschzeit als es losging, weshalb relativ viele Kinder gerade im Außenbereich beschäftigt waren). Brother John meinte im Anschluss nur, er habe hier noch einen Regenschauer solchen Ausmaßes miterlebt, ich glaube, damit ist alles gesagt ….

Ganz allgemein sieht die Regenzeit hier so aus, dass es in erster Linie ein paar Mal pro Woche tagsüber eher kurz schauert, häufig nachts für eine Weile regnet und ansonsten trocken und häufig sonnig ist. Die Temperaturen sind dabei auf - wie ich finde sehr angenehme - 15 bis 25° gefallen, sodass ich mittlerweile nachts sogar für meine Decke Verwendung finde. Und so sehr sich logischerweise alle über den Regen, die wachsenden Felder, das ausreichende Fressen für die Ziegen und Kühe und die mittlerweile unglaublich grüne Landschaft freuen, so ist das Projekt und gefühlt auch ganz Kithyoko wortwörtlich nicht so wirklich in seinem Element: Wenn es regnet, kommen wir im Projekt fast immer in Verzug und schaffen es nicht, den Zeitplan einzuhalten, zumal zusätzlich zum Regen-Abwarten neben dem dauerhaft bewässerten „Gemüsebeet“ nun auch die Felder jede Menge Arbeit verursachen. Dass die meisten Menschen mit ihren Feldern zu Hause beschäftigt sind, merkt man auch in Kithyoko, wo insbesondere dienstags wesentlich weniger los ist als sonst, und auch ansonsten alles irgendwie noch leerer wirkt.

Sehr, sehr nass! Im Normalfall ist hier alles staub- und nicht wasserbedeckt...

 

Anfang März stand eine Fahrt ins Zentrale Hochland Kenias an, wenn auch aus einem sehr unerfreulichen Grund: Trevor, mit gerade einmal zwei Jahren das jüngste Kind im Projekt, ist, nachdem er zuvor schon rund einen Monat wegen einer eher harmlosen Kopfverletzung zu Hause gewesen war, verstorben - vermutlich an einer Überdosis Medikamente, die ihm beim Besuch verschiedener Ärzte verabreicht worden waren. Doch tut das jetzt nichts zur Sache und aus wohl gut verständlichen Gründen möchte ich hier auch nicht weiter auf dieses Thema und die Beerdigung eingehen, zu der vom Projekt Alex, Rebecca und ich gefahren sind. Weshalb ich das Ganze überhaupt erwähne, liegt daran, dass Trevors Familie über 100 km von Kithyoko entfernt lebt (was im MEDGO DEAR Centre nicht ungewöhnlich ist, da es in einem großen Umkreis nahezu die einzige Einrichtung dieser Art ist, die auch Kinder mit sehr schweren Behinderungen sowie deren Familien so unterstützt).

Wie schon erwähnt, kam Trevor nicht aus der Gegend, in der ich lebe, sondern aus der sehr bergigen, hoch gelegenen und regenreichen Central Region, die sich dementsprechend stark von Kithyoko unterscheidet und zumindest Rebeccas und meiner Meinung nach über eine wunderschöne Landschaft verfügt: Die allgemein sehr grüne Gegend ist eine der Hauptanbaugebiete für Tee, der für diese klimatischen und geologischen Verhältnisse optimal zu sein scheint, sodass man, egal wohin man schaut oder auch mit einem Boda boda fährt, auf von Teefeldern gesäumte Berghänge schaut. Anders als in einigen anderen Regionen Kenias gehören diese Teefelder zumeist keinen großen Unternehmen, sondern werden kleinbäuerlich betrieben, sodass jedes Grundstück im Normalfall über ein eigenes mehr oder weniger großes Teefeld verfügt, deren Erträge die Familien zu jeweiligen Marktzentren bringen, wo die Teeblätter gewogen, gesammelt und anschließend zur Weiterverarbeitung gebracht werden.

Neben dem Anblick dieser wunderschönen Landschaft (ich finde Teepflanzen anders als die meisten Anbauprodukte sogar auf großen Feldern wirklich hübsch) habe ich u.a. noch herausgefunden, dass Avocados genau wie Mangos an großen Bäumen wachsen - jetzt mal ehrlich: Hättet ihr das gewusst? Ich war doch ziemlich erstaunt als ich bei genauerem Betrachten eines alten Baums auf dem Grundstück von Trevors Familie fast reife Avocados entdeckt habe. Da der Weg ziemlich weit war (mit dem Countrybus sind es zwei Stunden bis Thika, von dort 30 min Fußweg vom Highway zur Station, wo man ein Matatu finden muss, was einen die einstündige Fahrt nach Githumu bringt, von wo aus es noch einmal über 30 Minuten Motorradfahrt bis zum Grundstück von Trevors Familie sind) mussten wir morgens früh starten, sodass ich auch erstmals mitbekommen habe, wie viele Menschen schon vor Sonnenaufgang unterwegs sind - auf dem Highway waren wesentlich mehr Busse und Matatus unterwegs als tagsüber! Offensichtlich wollen sehr viele Leute früh morgens schon v.a. nach Nairobi, um dann im Laufe des Tages schon wieder zurückzufahren.

 

Schon im Matatu sah man: Teefelder überall! 

Auf der Fahrt mit dem Boda Boda kamen wir dann an einem Riesenbambus ... ... einem schönen Bachlauf ... ... und Teepflückern vorbei

Das Teefeld von Trevors Familie ... sowie der eigene Gemüsegarten Ist es wirklich ---- ein AVOCADOBAUM!!! oO

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Am 18. März war es dann endlich so weit: Meine Familie kam nach Kenia, um mich zu besuchen und mein Projekt, meine Mitbewohner und dieses großartige Land ein Stück weit kennenzulernen. Wobei das nicht ganz richtig ist, denn meine Mutter hatte entschieden, nicht mitzukommen, sondern die Reise stattdessen uns drei Männern zu überlassen. Wobei sie bei den einen oder anderen Bildern und Schilderungen diese Entscheidung ganz sicher insgeheim schon fast bereut haben dürfte!

Also noch einmal von neuem: Am 18. März war es dann endlich so weit: Mein Vater und Bruder kamen nach Kenia, um mich zu besuchen und mein Projekt, meine Mitbewohner und dieses großartige Land ein Stück weit kennenzulernen. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke ist auch dies nicht ganz korrekt, denn aufgrund eines für mich nur noch sehr schwer nachvollziehbaren Wetterphänomens, bei dem es irgendwo tief in meinem Hinterkopf klingelt und das irgendetwas mit enormer Kälte (was auch immer das sein mag) zu tun zu haben scheint, hatte das Flugzeug leider rund zweieinhalb Stunden Verspätung, sodass ich ewig am Flughafen in Nairobi auf sie warten und erst nach Mitternacht in Empfang nehmen konnte.

Von daher noch einmal: Am 19. März war es dann endlich …. Schon gut, ich lasse es ja!

Aber schon am Flughafen zeichnete sich ab, was sich die nächsten Tage bestätigen sollte: Das Temperaturempfinden von meinem Vater und Bruder ist massiv gestört (oder je nach Perspektive meins) und ich bin echt froh, mitten im Sommer wieder nach Deutschland zurückzukehren, denn während ich bei den „Regenzeit-Nairobi-Temperaturen“ von 15 bis 20 Grad in langer Hose und Pulli rumlief und mir dabei z.T. wirklich noch kalt war (in Kithyoko war es selbst in der Regenzeit bedeutend wärmer, ganz zu schweigen vom „Kithyoko-über-30°-Februar“!), schwitzten mein Vater und Bruder noch in T-Shirt und kurzer Hose und verzichteten unvorstellbarerweise nachts sogar auf die Decke im Apartment. Und wie ich gleich gesagt habe: Kein Wunder dass mein Vater prompt eine Erkältung bekam…. (Wobei er darauf bestand, dass dies nicht an den kühlen Temperaturen in Nairobi lag, sondern eher der Winter in Deutschland Schuld war, der sich kurz vor seinem kalendarischen Ende offensichtlich noch einmal gebührend verabschieden wollte).

Ach ja, mit der Unterkunft in Nairobi war das auch noch so eine Sache: Einige Wochen vorher hatte ich über Airbnb ein Apartment gebucht, was in Nairobi einfach unschlagbar ist. Zwei Tage vorher stornierte der Vermieter dann die Buchung, da er einen Fehler in seinen Einstellungen gemacht hatte. Etwas genervt in Anbetracht der nur noch kurzen Zeit habe ich mich daraufhin nach einer Alternative umgesehen und auch gefunden, und nachdem auch diese Buchung bestätigt war, fiel dem neuen Vermieter auf, dass er an den entsprechenden Tagen Handwerker im Haus hätte und deshalb uns nicht aufnehmen könnte, er vermittelte uns aber an seine Schwester weiter, die ebenfalls ein Apartment in der Nähe vermietet, das in diesem Zeitraum verfügbar sei. Am nächsten Tag (einen Tag vorher) bekam ich dann die etwas verzweifelte Nachricht, dass die Gäste, die vor uns im Apartment der Schwester waren, dieses noch nicht verlassen wollten bzw. könnten, und wir deshalb auch dort nicht unterkommen könnten. Glücklicherweise hatte noch ein Freund von ihm ein noch nicht gebuchtes Airbnb zum gleichen Preis, an den er mich weitergeleitet hat, sodass wir im Endeffekt dann in einem sehr gut ausgestatteten und schön eingerichteten Apartment unterkamen, das zwar nur über ein Doppelbett verfügte, aber eigentlich war das Sofa auch ganz bequem!

Außerdem habe ich den Stadtteil, in dem wir nun gelandet sind, zu meinem Lieblingsviertel Nairobis erklärt: South B liegt sehr zentral (weniger als 15 min mit dem Matatu vom CBD entfernt) und perfekt zwischen Stadtzentrum und Flughafen, war so weit sehr ruhig und einfach angenehm „mittelständig“, und außerdem gab es auf der Straße direkt neben dem Apartment gleich fünf verschiedene Obst- und Gemüsestände, von denen jeder einzelne mehr Dinge anzubieten hatte als man an allen Ständen in Kithyoko zusammen findet. Dementsprechend überwältigt und gewissermaßen schockiert war ich, als ich am Sonntag nach fast drei Monaten in Kithyoko (unglaublich, wie schnell die Zeit vergangen ist) alleine dort ankam, mich einrichtete, in der super ausgestatteten Küche mit Gasherd Nudeln mit Tomatensoße mit ZUCCHINI (unbestreitbar einfach das beste Gemüse überhaupt, das versteht nur irgendwie keiner; wobei es seit neuestem in Kithyoko an manchen Dienstagen Auberginen gibt, wenigstens ein kleiner Trost) kochen und mich mit WLAN aufs Sofa fläzen konnte.

Ich glaube, dass mir in diesem Moment zum ersten Mal der gewaltige Unterschied zwischen Kithyoko und einem mittelständigen Leben in Nairobi so wirklich bewusst geworden ist; und ich habe mich dort ziemlich darüber gewundert, wie ich so viele Sachen in Kithyoko nicht wirklich vermisst haben konnte. Auf dementsprechend großes Unverständnis ist dann bei mir gestoßen, als mein Bruder am Ende des nächsten Tages, an dem wir einiges in Nairobi erledigt und anschließend noch Mwende in einem äußeren Stadtteil besucht hatten (auf der Rückfahrt haben wir dann auch endlich ein „Party-Matatu“ erwischt, was gerade kombiniert mit dem z.T. ziemlich schlechten Zustand der Straße auf allgemeine Belustigung stieß), erklärte, wie wenig er Nairobi leiden könne und wie sehr er sich darauf freue, als nächstes raus aus der Stadt und nach Kithyoko zu fahren; ein Wunsch, den ich in diesem Moment nur schwerlich weniger hätte teilen können.

Alles voller Matatus - Herzlich Willkommen in Nairobi Der Blick aus unserem Apartment - South B

 

Aber geplant war geplant - zumal wir allgemein einen ziemlich vollen und strikten Zeitplan hatten, um möglichst viel sehen und machen zu können - und außerdem wurden wir schon im Parish erwartet. Von daher ging es am nächsten Tag zunächst nach Eastleigh (gerne könnt ihr Nils mal auf diesen Stadtteil Nairobis ansprechen, damit macht ihr euch ganz sicher beliebt…!) und von dort aus mit dem Garissa Bus weiter nach Kithyoko. Perfekt an einem Dienstag, sodass mein Vater und Bruder noch den Markt von Kithyoko mitbekommen konnten - dachte ich zumindest, bis uns eine halbe Stunde vor Ankunft ein Regenschauer entgegenkam, der schon zuvor in Kithyoko zu einem etwas verfrühten Abbruch des Markts geführt zu haben scheint. Neben einigen Ziegen- und Rinderherden war somit vom sonstigen wöchentlichen Ausnahmezustand nicht mehr viel zu sehen, aber na ja, man kann eben nicht alles haben.

In Kithyoko hatten wir zwei volle Tage: Am Mittwoch ging es zunächst ins Projekt, wo ich meinen Vater und Bruder ein wenig rumführte und wir anschließend noch spontan beim Mittagessen austeilen / Kinder füttern geholfen haben; und nachmittags stand ein nicht ganz geplanter Ausflug nach Mwingi an, da wir dort einen Beutel abholen mussten, den wir im Bus auf der Fahrt am Tag zuvor vergessen hatten, was glücklicherweise ziemlich schnell von meinem Sitznachbarn, einem an der somalischen Grenze stationierten Polizisten, bemerkt worden war. Nachdem wir uns in Mwingi ein wenig um- und den lokalen Markt angesehen hatten, trafen wir dann unsere „Retterin“, der unser Beutel überlassen worden war, als sie in Mwingi ausstieg

 Bei einer Tasse Tee fanden wir dann noch heraus, dass sie Polizistin in Mwingi ist, sich für ein Stipendium auf ein „Master-Studium“ in Großbritannien bewirbt, um anschließend bessere Chancen auf einen Job bei einer kenianischen Sicherheitsfirma zu haben; offensichtlich ist die Polizei in Kenia nicht der großzügigste Arbeitgeber und ein Wechsel in die Privatwirtschaft häufig der Fall. Der einzige Grund, warum die Sachen übrigens so schnell den Weg zu uns gefunden haben, ist, dass oben in dem Beutel, in dem sich in erster Linie ein Kalender fürs Parish sowie einige (wichtige) Dokumente befanden, ein Zettel u.a. mit meiner Nummer oben auf lag - ansonsten hätte das alles noch wesentlicher komplizierter werden können … Glück gehabt!

Den nächsten Tag verbrachten wir mit einem Ausflug zu den Tha Tha Hills, einer Bergkette in der Nähe von Kithyoko, die ich, seit ich hier bin, immer einmal erklimmen wollte. Schon der Weg dahin gestaltete sich als aufwendiger als gedacht, denn in Tha Tha angekommen, realisierten wir, dass wir immer noch ziemlich weit von den Bergen weg waren. Zum Glück kam einer der Boda Boda-Fahrer aus einem Dorf direkt am Fuße der Berge, sodass er uns bis dort bringen konnte - insgesamt dauerte die Fahrt in jede Richtung etwas über 30 Minuten. Dort angekommen meinte unser Fahrer dann noch so: An der Ecke da vorne müsst ihr nach rechts und dann „feel free to climb“, was, wie wir nach kurzer Zeit feststellten, ziemlich wörtlich gemeint war, da es gewissermaßen keinen richtigen Weg gab, sondern wir uns mehr oder weniger selbst unseren Weg bergauf über Ziegenpfade und trockene Wasserläufe suchen mussten, und das durch ein relativ dichtes Buschwerk.

Während des Aufstiegs sahen und hörten wir die ganze Zeit einen Jungen, der oben auf einem Felsvorsprung stand und sich lautstark offenbar mit seinen Freunden unterhielt, und je weiter wir hochgingen und gleichzeitig unser „Weg“ immer schlechter wurde, desto größer wurde unsere Motivation, bis dorthin zu kommen und uns von den Kindern wieder runterführen zu lassen. Kurz bevor wir oben ankamen, begegneten wir dann noch einer Herde Ziegen, die offensichtlich den Berg selbstständig als besten Futterort auserkoren hatten und sich leichtfüßig einen Weg über das unwegsame Gelände suchten, womit sie einen ziemlichen Kontrast zu uns darstellten.

Irgendwann haben wir es dann auch tatsächlich geschafft, und nachdem wir die tolle Aussicht über die gesamte Region und die sich nur wenige Hundert Meter neben uns am Berg abregnenden Wolken genossen hatten (zum Glück blieben wir vom Regen verschont, sonst hätte das ziemlich unangenehm kalt und nass werden können), begleiteten uns die Kinder nach unten - selbstverständlich auf einem einigermaßen vernünftigen Weg, an dem wir leider knapp vorbei gelaufen waren. Dabei war es auf jeden Fall von Vorteil, dass ich mich mittlerweile einigermaßen auf Suaheli verständigen kann, denn keines der Kinder verstand auch nur ein Wort Englisch; was anhand dessen, dass sie an einem normalen Schultag auf dem Berg waren, auch nicht wirklich verwunderte…

Allgemein war es eigentlich ein ganz cooler Ausflug, auch wenn die Einheimischen wohl ziemlich verwirrt gewesen sein dürften, nicht nur weil sich Wazungu im Normalfall nicht so weit ins „Landesinnere“ begeben, sondern auch, weil der Berg ziemlich offensichtlich üblicherweise nur für Kinder und vielleicht noch Jugendliche als Ausflugsziel dienen dürfte. Gekrönt wurde dieser Tag von einem leckeren Abendessen, das wir alle gemeinsam (bzw. mit den Mitarbeiterinnen im Parish) zubereitet und dann zusammen gegessen haben - eine absolute Seltenheit, dass alle gleichzeitig essen!

 

Karibuni nyumbani, wageni!

Eine Kuh- und Ziegenherde: Was vom Markt noch übrig war Ein Teil des Marktes von Mwingi Seit über einem halben Jahr Ziel meiner Begierde: Die Tha Tha Hills - endlich war ich da oben! Mmmhhhh kurzer Nachtrag: So sehen die neuen Schlafräume im Projekt aus 

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Als nächstes ging es auf Safari: Dazu sind wir zunächst nach Kimana gefahren, einem von Maasai bewohnten Ort im Süden Kenias, in dem Katie (die amerikanische Mitfreiwillige, die über Weihnachten mit in Diani Beach war) für ein halbes Jahr gelebt hatte. Katie hatte mir den Kontakt eines lokalen Fahrers gegeben, der Safaris in den nahegelegenen Amboseli Nationalpark anbietet. Da sein Auto insgesamt sechs Personen fasst und der ausgehandelte Preis für den ganzen Tag unabhängig von der Anzahl der Gäste galt, hatte ich mich zuvor umgehört, ob noch jemand anderes mitkommen wollte; und so haben wir den Park zusammen mit Agnès, die zu diesem Zeitpunkt noch in Kenia unterwegs war, und Clara, einer Freiwilligen aus Ngong, besucht.

Neben dem unglaublichen Elefantenreichtum ist das Besondere am Amboseli Nationalpark - wie auch an der gesamten umliegenden Gegend - vor allem der Blick auf den Kilimandscharo, der direkt hinter der Grenze nach Tansania und von überall aus sehr gut sichtbar liegt und mit 5895 Metern der höchste Berg Afrikas (und übrigens auch höher als alles in Europa) ist. Da die Umgebung des Vulkans sehr weitläufig und relativ eben ist, kann man diesen - solange keine Wolken den oberen Teil verdecken - von überall aus sehen und er wirkt fast mehr wie eine unwirkliche, aber wunderschöne Hintergrundkulisse, die die ganze Zeit über einem thront; zumal er irgendwie auch mehr wie ein schneebedeckter Hügel als wie der höchste freistehende Berg der Welt aussieht. Gerade morgens und abends, wenn es klar ist, hat man von überall einen großartigen Blick auf den Kilimandscharo, und wenn während des Sonnenaufgangs die weiße Schneekuppe nahezu goldgelb leuchtet, bietet dieser einen unbeschreiblichen Anblick.

Doch auch während des gesamten Tages im Nationalpark, wenn der obere Teil des Vulkans zumeist wolkenverhangen ist, habe ich immer mal wieder wie gebannt dort hinauf geblickt und nach der Schneekuppe gesucht, so beeindruckend war diese Kulisse. Aber auch der Rest des Ausflugs war großartig. Da wir einige Wochen nach Beginn der Regenzeit in dieses sonst sehr trockene Gebiet kamen, war die Landschaft wunderschön und grün, und gleichzeitig hatten wir das Glück, dass es in der Zeit, in der wir dort waren, nicht geregnet hat; stattdessen fand der Großteil der Safari in strahlendem Sonnenschein statt.

Und auch an Tierreichtum war der Park beeindruckend: Schon auf dem Weg dorthin kamen wir an Giraffen vorbei, die sich wie um ein bestmögliches Fotomotiv zu erzeugen, schön vor dem Kilimandscharo aufgestellt hatten. Im Park sahen wir dann u.a. noch Zebras, Büffel, Nilpferde, Warzenschweine, verschiedene Antilopenarten, Strauße, Gnus sowie viele wunderschöne Vogelarten. Was wir nicht antrafen, waren neben zwei Hyänen weitere Raubtiere, was abgesehen davon, dass man dafür sowieso ziemlich viel Glück haben muss, auch damit zusammenhing, dass aufgrund des Regens viele Antilopen, Zebras, Giraffen etc. den Park verlassen haben, um außerhalb zu fressen, und die Raubkatzen ihrer Beute gefolgt sein dürften.

Aber das absolute Highlight des Nationalparks waren die unzähligen Elefantenherden, die überall grasend durch den Park streiften, und die man aufgrund der Steppenlandschaft, die den Großteil des Parks bedeckt, überall als graubraune Punkte ausmachen konnte, egal, wohin man auch schaute. Relativ zu Beginn der Safari sind wir an einen Ort gefahren, an dem gerade eine Elefantenherde vorbeizog. Und während wir da so standen, kamen auf einmal immer mehr Elefanten an, die die Straße auf beiden Seiten des Autos überquerten - alle wohl auf dem Weg Richtung Wasser, wie uns gesagt wurde. Als unser Fahrer dann den Motor vom Auto ausmachte und wir inmitten von (ich würde fast sagen) Hunderten Elefanten allen Alters und verschiedenster Größe (auf einer Skala von größer als ich [Babys] bis riesig [der Rest]) standen, die in kleineren und größeren Gruppen an uns vorbeiliefen, war das einzige, was man hören konnte, ein ständiges Rauschen vom Gras, das entweder gerade von einem riesigen Elefantenfuß plattgetreten, oder von einem noch größeren Besitzer dieses Fußes ausgerupft und mit dem Rüssel in den Mund befördert wurde. Dieses Geräusch war einfach unbeschreiblich, genau wie die Entspanntheit, die die Elefanten ausstrahlten, wie sie so ruhig und gleichmäßig einen Fuß vor den anderen setzten, frei nach dem Motto: Je größer der Elefant desto langsamer die Schritte, wobei selbst die kleinen nicht gehetzt schienen und dabei vermutlich immer noch wesentlich schneller waren als ein wandernder Mensch.

 

Die Mombasa Road war mal wieder völlig verstopft und wurde spontan mehrspurig

Der Mount Kilimanjaro, höchster Berg Afrikas - sieht doch eher wie ein Hügel aus, oder? Und bietet bei Sonnenaufgang ein bezauberndes Bild! Und da sind die ersten Tiere der Safari: GIRAFFEN Für dieses Bild haben die viel Geld bekommen... Der erste Elefant des Tages - groß und alleine, also männlich Und auf einmal wurden es immer mehr ... ... und mehr Elefanten Zwar schon größer als eine Antilope, aber so süüüüß Und dann gab es noch Strauße, ... ... Gnus, ... - hat durch die Streifen iwie was von ner Mischung aus Zebra und Rind, oder? - ... zahlreiche Antilopen, ... ... einen Büffel, ... ... ein faules Flusspferd, ... ... ein Warzenschwein (Ugly Five!), ... ... etliche Zebras, ... ... und jede Menge verschiedenster Vögel. Zum Abschluss gab's noch ein schönes Gruppenbild Und tschüss! 

 

Am darauffolgenden Tag hat sich Clara dann verabschiedet und ist zurück nach Ngong gefahren, während wir drei zusammen mit Agnès weiter zum Tsavo West Nationalpark sind. Auf der Fahrt dorthin konnte Nils dann noch seine Hassliste erweitern: Neben Nairobi und insbesondere Eastleigh hat er auch eine sehr große Abneigung gegen die allgemein als Countrybus bezeichneten großen Matatus. Wobei wir in diesem Fall auch wirklich Pech hatten, denn der Bus ist ziemlich langsam gefahren, hat ständig gehalten und Umwege gemacht und uns am Ende kurz vor dem Ziel rausgeworfen, wo uns die Weiterfahrt in einem anderen Matatu bezahlt wurde, weil der Bus offensichtlich doch irgendwo anders hingefahren ist und uns das nicht mitgeteilt wurde… Toll! Zugegeben war es nicht das erste Mal, dass mir dies passiert ist, aber trotzdem nervig.

Wobei dies ehrlich gesagt nicht das größte Problem auf der Fahrt war; denn es gab noch eine ganz andere Schwierigkeit: Unsere gebuchte Unterkunft, ein Banda, das mitten in dem relativ großen Nationalpark rund 40 km vom Highway und dem Eingang entfernt war, lag in einem Funkloch. Nun gibt es eindeutig Schlimmeres als ein paar Tage Funkstille, aber das Problem bestand darin, dass somit die Unterkunft auch nicht bzw. nur sehr selten telefonisch erreichbar war. Noch am Vorabend hatte ich es nach einigen Schwierigkeiten geschafft, jemanden vor Ort zu erreichen und erfahren, dass man sich am Eingang abholen lassen könnte und ich dies einfach mit unserer Ankunftszeit per Mail anfragen könnte, nur leider habe ich die entsprechende Mailadresse nicht wie angekündigt per SMS zugeschickt bekommen. Von daher waren wir ziemlich aufgeschmissen, als wir in Mtito Andei am Eingang des Parks ankamen und immer noch niemanden erreicht hatten.

Nach einigem Rumfragen im Dorf habe ich dann ein Taxi (bzw. ein Privatauto, weil es dort keine Taxis gab) gefunden, das uns zu der Unterkunft bringen wollte. Schon am Eingang wurde unser Fahrer von den Rangern darauf hingewiesen, dass es in letzter Zeit relativ viel im Park geregnet hatte (wodurch die Vegetation sehr grün und schön war - Tsavo West gilt sowieso als der landschaftlich schönste der großen kenianischen Nationalparks), was unseren Fahrer aber nicht weiter störte, bis wir - rund 8 km vor unserem Ziel - an eine ziemlich feuchte, matschige Stelle kamen, in der der Toyota Corolla stecken blieb und mit seinem Vorderradantrieb nicht mehr rauskam. Da standen wir nun - mitten in der Wildnis, ohne Handyempfang um irgendjemanden zu erreichen, abends um 5 und sahen die Sonne unaufhaltsam sinken, während wir festsaßen. Unser Fahrer kam auf die Idee, unter die Vorderräder Steine zu legen, und nach einer ziemlichen Weile, einigen Anläufen und etlichen Spritzern haben wir mit vereinten Kräften das Auto tatsächlich aus der Pfütze herausbekommen.

Erst einmal erleichtert, wenn auch etwas besorgt über das, was noch kommen könnte, setzten wir erst einmal unsere Fahrt fort, nur um rund fünf Minuten später vor der nächsten Pfütze zu stehen, die allerdings noch wesentlich größer und problematischer war. Auf mein Drängen hin hielt der Fahrer davor erst einmal an, damit wir zunächst erkunden könnten, wie man am besten da durch kommen könnte, bevor wir schon wieder stecken bleiben - mittlerweile war es auch schon fast 6 Uhr. In dem Moment kam uns ein anderes Fahrzeug entgegen, ein Kleinbus von einer anderen Lodge, der auf dem Rückweg von einer „Abend-Pirschfahrt“ war und …. in der Pfütze stecken blieb und mit seinem Hinterradantrieb auch nicht mehr alleine rauskam. Alle zusammen (wir vier, unser Fahrer, der Fahrer des steckengebliebenen Safari-Fahrzeugs sowie die vier anderen Gäste) sammelten wir Steine, und mit Hilfe des Ersatzreifens von unserem Fahrzeug, ziemlich vielen Steinen und der Erfahrung des anderen Fahrers gelang es uns, das Fahrzeug zu befreien.

Nur uns (bzw. allen außer unserem Fahrer) war spätestens jetzt klar geworden, dass wir mit dem unserem Auto die Fahrt nicht mehr weiter fortsetzen konnten. Unsere Hoffnung war nun, dass der andere Fahrer mit einem Funkgerät möglicherweise jemanden in unserer Unterkunft erreichen könnte, der uns abholt, doch bevor wir dazu kamen, nachzufragen, kam noch ein drittes Auto hinzu, das in die gleiche Richtung wie wir unterwegs war - dieses Mal ein Toyota Land Cruiser, das einzige wirklich für diese Wegbeschaffenheit geeignete Fahrzeug. Wie sich herausstellte, waren sie ebenfalls auf dem Rückweg von einer Pirschfahrt (so heißt ein Game Drive wirklich auf Deutsch), allerdings zu unserer Unterkunft bzw. dem Nachbarcamp, zu dem unser Banda dazu gehörte. Und glücklicherweise waren in dem Fahrzeug noch genau vier Plätze frei und die anderen Gäste gewillt, uns mitzunehmen. So ist am Ende doch noch alles gut gegangen und wir sind heil angekommen; aber ehrlich gesagt gehörte da wesentlich mehr Glück zu, als mir lieb war!

Ich lasse das mal unkommentiert Aber irgendwie haben wir es dann ja doch noch geschafft (Bild vom nächsten Morgen, als wir ankamen, war es schon dunkel)

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Am nächsten Tag haben wir uns dann auf „Pirschfahrt“ im Tsavo West Nationalpark begeben. Dabei ist uns ziemlich schnell der Hauptunterschied des Parks zu Amboseli aufgefallen: Statt größtenteils aus einer ebenen, weitläufigen Graslandschaft, in der man vom Auto aus sehr weit schauen und Tiere beobachten kann, besteht Tsavo West vor allem aus relativ dichtem Buschland, das die hügelige Gegend sowie auch die meisten Berge im Park bedeckt. Und dadurch, dass wir auch noch in der Regenzeit da waren (wobei wir auch hier wieder Glück hatten, dass es nur nachts ein bisschen regnete), war der Park landschaftlich sehr schön und grün. Gleichzeitig führte das dichte, grüne Buschwerk logischerweise auch dazu, dass man nicht sehr weit schauen und nur noch relativ schwer Tiere ausmachen konnte; wobei das auch irgendwie cool war, weil die Tiere, denen man begegnete, dann plötzlich unerwartet hinter der nächsten Ecke warteten und meist ziemlich nah an uns dran waren.

Der Nationalpark hat viele landschaftliche Highlights zu bieten, allen voran die Mzima Springs, eine grüne Oase mit hohen Bäumen und einigen Nilpferde und Krokodile beherbergenden Seen, an der jede Menge Wasser an die Oberfläche sprudelt, das von den umliegenden Chyulu Hills sowie ganz vom Kilimandscharo unterirdisch her fließt und nicht nur den Tsavo River entspringen lässt, sondern auch die hunderte Kilometer weit entfernte Großstadt Mombasa mit Trinkwasser versorgt. Ebenfalls beeindruckend sind die Vulkane im Park, von denen aus sich lange „Lavagestein-Flüsse“ in die Landschaft erstrecken, die tagsüber so heiß werden, dass nur einige spezielle Tierarten dort (vor Raubkatzen einigermaßen geschützt) leben und die wenigen Büsche fressen können, die „in den Steinen“ wachsen.

Ansonsten hat der Park trotz der dichten Vegetation nicht an Tieren gespart: Wir haben einige Herden von Zebras, Wasserböcken, braunen Elefanten, Gnus, verschiedenen Antilopenarten und Büffeln gesehen, um nur einige zu nennen. Besonders zahlreich vertreten waren Dikdiks, sehr kleine und schreckhafte Tiere, die ein wenig an eine Mischung aus Reh und Kaninchen erinnern und sich ungefähr genauso verhalten. Aber meine absoluten Lieblingstiere in dem Park waren die Giraffen, von denen wir auch etlichen Gruppen begegnet sind. Dadurch, dass das Buschland anders als die Giraffen nicht allzu hoch ist, konnte man diese immer relativ gut ausmachen, auch weiter in der Ferne, da sie die einzigen Tiere waren, die aus den Büschen herausstachen, eine Eigenschaft, die ihnen nicht nur erlaubte, die höchsten Bäume abzugrasen (denn dafür waren die Hälse schon länger als nötig), sondern vor allem, immer den Überblick zu haben und genau zu wissen, was gerade wo passiert.

Da die Giraffen meist in kleinen Gruppen von fünf bis sechs Tieren unterwegs waren, hat oft jede Giraffe unentwegt in eine andere Richtung geschaut, um überallhin abgesichert zu sein. Wenn eine etwas entdeckt oder gehört zu haben schien, drehten sich auf einmal alle Köpfe in diese Richtung. Nicht selten kam es auf der Fahrt vor, dass ich entspannt durch die Gegend schaute und etwas in der Entfernung, das hinter / über einem Baum hervor lugte und ich zunächst für einen Ast gehalten habe, sich auf einmal drehte und als Giraffenkopf herausstellte, der uns ganz genau beobachtete. Nach einiger Zeit begann ich, mich dauerhaft beobachtet zu fühlen, denn irgendwo versteckte sich ganz sicher eine Giraffe - als Baum getarnt -, die jede Bewegung unseres Auto akribisch verfolgte. Die wortwörtliche Weitsicht der Giraffen machten sich übrigens auch andere Tiere zu Nutze: Oftmals sah man neben den Giraffen auch eine Herde Zebras, Wasserbüffel, Antilopen oder Ähnliches, die sich offensichtlich in der Nähe der großen, tierischen Beobachtungstürme in größerer Sicherheit wähnten.

Gekrönt wurde der Ausflug, als auf dem Rückweg kurz vor Ende (ungefähr dort, wo wir am Tag zuvor stecken geblieben waren) unser Fahrer auf einmal abrupt abbremste, uns gestikulierte, ruhig zu sein und nach vorne zeigte, wo - nicht zu glauben - zwei Leoparden im Straßengraben einander eng umschlungen lagen und miteinander spielten. Kurze Zeit später fuhr ein anderes Auto auf der gegenüberliegenden Seite um die Ecke und wir hatten schon Angst, dass die Leoparden aufgescheucht würden, weil (wie Agnès mehrfach mit einem gewissen Neid anmerkte) das andere Fahrzeug viel näher dran war. Zum Glück ließen sich die Leoparden davon allerdings gar nicht aus der Ruhe bringen, auch nicht, als wir noch einmal ein Stück näher rangefahren sind. Allgemein war die Gelassenheit und Eleganz, mit der die beiden jungen Leoparden da lagen, anschließend die Straße überquerten und nach einer Extrarunde gemeinsam im Busch verschwanden, einfach atemberaubend. Mit diesem großartigen Abschluss der insgesamt wirklich schönen Tour ging dann auch der erste Tag im Tsavo West Nationalpark zu Ende; wobei nicht ganz: Genau wie auch schon am Vorabend hörten wir ganz in der Nähe ein Rudel Löwen brüllen (wobei es auch zwei Rudel gewesen sein könnten, da das Brüllen aus entgegengesetzten Richtungen kam).

 

Auf geht's: Safari die zweite

Erstes Ziel: Mzima Springs. Da es dort ganzjährig Wasser gibt, sind auch die Bäume was höher Hier sprudelt dauerhaft jede Menge Wasser aus dem Untergrund Nanu, was hängt denn da am Bauch? Eine Herde Zebras und Wasserböcke Jetzt aber mal schnell (ich glaube nach einiger Zeit haben wir sie verschreckt) Wesentlich besser versteckt aber immer noch zahlreich vorhanden: Elefanten Och wie süß (ich weiß bis heute nicht wie diese Tiere heißen) Ein alter Büffel legt sich zur Ruhe - vermutlich für immer Und ein Stück weiter sahen wir dann eine ganze Herde davon Hyänen (gehören auch zu den Ugly Five) Mit der richtigen Spezialisierung bleibt man auch von Konkurrenz verschont Meine absoluten Favoriten!Sieht schon echt unbequem und anstrengend aus! Nanu, seit wann können Bäume starren?  Und abschließend gab's dann noch zwei Leoparden Und tschüss!

 

Den zweiten Tag in Tsavo West begannen wir morgens mit einer Buschwanderung. Da es verboten ist, sich zu Fuß frei durch den Park zu bewegen, und zudem auch die Gefahr besteht, einigen mehr oder weniger gefährlichen Tieren zu begegnen (neben Löwen, Geparden, Leoparden und Hyänen geht z.B. auch von Nilpferden, Elefanten, Büffeln und vor allem Nashörnern eine gewisse Gefahr aus), mussten wir auf diesem Ausflug von einem Führer, einem aus Kimana stammenden Maasai, sowie einem bewaffneten Ranger begleitet werden. Wie zu erwarten war, gingen die meisten Tiere uns erfolgreich aus dem Weg, sodass wir neben einer Herde Wasserböcke (ich glaube zumindest, dass es Wasserböcke waren, da bin ich mir nicht mehr so sicher) und einem einzelnen Büffel, den wir weitläufig umgehen mussten, nur etliche Giraffenköpfe gesehen haben, die uns zunächst ausführlich beobachteten und sich, falls wir uns näherten, schnellstens entfernt haben.

Dafür haben wir allerdings einiges über die Pflanzenwelt erfahren - von einer nach Basilikum riechenden Pflanze, die v.a. die Maasai zum Kochen verwenden (selbstverständlich zum Kochen von Fleisch, denn nach Aussage unseres Führers ist die Hauptnahrung der traditionell viehtreibenden Maasai „meat and milk“) bis zu einem Baum, dessen Früchte so viel Alkohol enthalten, dass nach übermäßigem Verzehr dieser selbst Elefanten betrunken werden können. Außerdem wurde der Begriff der „Big Five“ (ein Begriff aus Jagdzeiten, der die fünf am schwierigsten zu jagenden Tiere der Wildnis beschreibt: Büffel, Elefant, Leopard, Löwe, Nashorn) um die „Little Five“ (Starweber (buffalo weaver); Rüsselspringer (elephant shrew); Pantherschildkröte (leopard tortoise); Ameisenjunfer (ant lion); Riesenkäfer / Nashornkäfer (rhino beetle) - 100 Gummipunkte, wer ein Muster erkennt!) und die „Ugly Five“ (könnt ihr selber googlen!) erweitert und wir haben Spuren u.a. von Elefanten, Hyänen, Leoparden und - ganz in der Nähe unserer Unterkunft - Löwen gefunden.

 

Alles in allem war dies ein interessanter und auf jeden Fall lohnender Ausflug und das Ende unserer Safari, denn nach einem entspannten Nachmittag und Abend im Park wurden wir am nächsten Morgen zum Ausgang bzw. sogar bis zum etwas außerhalb liegenden Bahnhof von Mtito Andei  gebracht, wo wir uns von Agnès verabschiedeten, die mit dem Zug nach Nairobi gefahren und zwei Tage später zurück in die Schweiz geflogen ist; während wir den Zug in die Gegenrichtung - nach Mombasa - genommen haben. Falls sich das irgendwer fragt: Der Zug ist kein Überrest vergangener britischer geprägter Tage mehr, denn die koloniale Schmalspurbahn von Mombasa über Nairobi und Kisumu nach Uganda ist seit 2012 vollständig eingestellt worden, sondern die nagelneue Arbeit eines chinesischen Staatsunternehmens, dessen erster Abschnitt der neuen Bahnstrecke (die die gleichen Orte verbinden soll) seit Mai letzten Jahres in Betrieb ist. Derzeit verkehren jeden Tag zwei Züge pro Richtung zwischen Nairobi und Mombasa, wobei der erste zwischendurch insgesamt sieben Mal hält, u.a. eben auch in Mtito Andei.

Auf in die Wildnis! Na gut, Elefanten sind sind groß, aber so groß hätte ich den Fußabdruck jetzt auch nicht geschätzt. Tschüss Tsavo! - Immerhin wurden noch gebührend verabschiedet...

 

Auch wenn der großspurig als Hochgeschwindigkeitszug angepriesene Nairobi-Mombasa-Express gerade einmal 120 km/h schafft (im Vergleich zum kolonialen Vorgänger ergibt der Name schon irgendwo Sinn), so verkürzt er die Fahrtzeit zwischen den beiden Metropolen dennoch enorm, brauchen die Busse im Normalfall doch zwei bis dreimal so lange. Das größere Problem mit dem Zug sind die Haltestellen, gerade in Mombasa und Nairobi. Denn weil die Eisenbahn in erster Linie für den Güterverkehr gebaut wurde und die kenianische Regierung für ihr Prestigeprojekt offensichtlich ziemlich große und protzige Bahnhöfe bauen wollte, sind die beiden derzeitigen Endhaltestellen ziemlich weit außerhalb, noch hinter den Flughäfen. In Nairobi ist der Plan, das dortige Nahverkehrssystem zu erneuern und so den Bahnhof an Regionalzüge anzuschließen, die die Passagiere in verschiedene Stadtteile und ins Umland bringen; problematischer ist allerdings sowieso die Situation in Mombasa, wo der Zug irgendwo im Nichts endet und man aufgrund der z.T. katastrophalen Verkehrssituation mit den Matatus gut und gerne 90 Minuten bis in die Stadt brauchen kann.

Von Mombasa aus ging es dann weiter nach Watamu, einem kleinen, wenn auch relativ touristischen Fischerdorf rund 100 km nördlich von Mombasa. Aber da dieser Eintrag schon jetzt viel zu lang und ausführlich geworden ist, gehe ich darauf nächstes Mal weiter ein, ebenso wie auf den Rests des Urlaubs; zumal das nun sowieso in den April fällt!

Dies und mehr Meer - beim nächsten Mal!

 

Abschließend möchte ich mich noch einmal bei euch fürs Durchhalten und stetige Lesen meines Blogs bedanken - die zwar konstant sinkenden, aber immer noch beeindruckend hohen Aufrufzahlen motivieren mich immer wieder, weiter so ausführlich zu berichten; und wie immer würde ich mich selbstverständlich über den einen oder anderen Kommentar freuen!

Bis zum nächsten Monatsrückblick, den ich hoffentlich wieder etwas pünktlicher fertig bekomme.

Ole

Von Müllverbrennung, Problemen mit Kochgewohnheiten und Strom - „Umweltliches“

Donnerstag, 15.03.2018

Nachdem es letzten Monat erstmals etwas genauer thematisch um Aspekte des Alltagslebens ging (zum Eintrag rund um Waschen und Hygiene geht es hier), möchte ich dieses Mal auf das (weltweit) deutlich problematischere Thema Umwelt eingehen.

 

Anfangen will ich dabei mit Müll! Denn wie so vieles in Kenia ist die Abfallentsorgung eine private Angelegenheit, für die jeder selbst verantwortlich ist. Dabei ist das Verständnis von Sauberkeit und das „Reinhalten“ seiner Umwelt allerdings etwas anders als in Deutschland. So gilt im Matatu prinzipiell, dass der Müll im Zweifel aus dem Fenster geworfen wird, damit das Matatu nicht verdreckt; und in Städten dient im Normalfall der tiefe Wassergraben auf beiden Seiten von größeren Straßen als Mülleimerersatz - aber Vorsicht (insbesondere als Mzungu), das Entsorgen von Müll auf der Straße steht offiziell unter Strafe und kann insbesondere in Nairobi und Mombasa zu vermeidbaren Problemen führen.

Zu dem ganzen Thema hatten wir im Urlaub auf Wasini Island ein recht interessantes Gespräch mit dem Besitzer unserer Unterkunft, dessen Frau als Deutsche einen gewissen Einfluss auf ihn hatte und der unter anderem davon erzählte, wie er auf einer Bootstour seine Keksverpackung in die Tasche gesteckt hatte, um sie zu Hause zu verbrennen, und daraufhin eine Diskussion mit den Mitreisenden entstanden ist, ob man den Müll nicht besser ins Meer werfen sollte. Ganz kurz noch eine Anmerkung: Ich bin der Ansicht, dass man dieses ganze Thema möglichst wertfrei betrachten sollte, und genau dies versuche ich auch, denn nicht nur, dass mit Müll vermutlich in weiten Teilen der Erde sehr ähnlich verfahren wird, sondern auch in Deutschland sah es vor gar nicht so langer Zeit nicht so viel anders aus, nur der Müll war ein anderer und ist wohl schneller verrottet; und eine vernünftige Müllentsorgung (wie vernünftig auch immer unsere sein mag) oder gar Recycling sind halt in erster Linie eine Frage von Wohlstand und der Bereitschaft einer Gesellschaft, dafür Geld auszugeben, und beides ist in Kenia eher weniger vorhanden.

Stattdessen wird in erster Linie darauf geachtet, das eigene Haus und Grundstück sauber zu halten. Dazu ist es natürlich nicht ganz unwichtig, was für Müll anfällt. Denn neben kompostierbaren Essensüberresten und -abfällen, die meist irgendwo gesammelt verrotten oder als Dünger verwendet werden, ist dies vor allem Plastikmüll - ein weltweites Problem: Extrem praktisch, billig und sehr zielgerichtet herstellbar, formbar, fest und eben auch sehr lange haltbar. Plastik hat viele Vorteile, so viele Vorteile, dass es auch in Kenia wirklich überall zu finden ist, v.a. natürlich als Verpackungsmaterial für alles Mögliche. Und auch wenn in Kenia wohl durchschnittlich sehr viel weniger Müll produziert wird als in Deutschland, sondern stattdessen alte Produkte von dort hier oftmals noch Verwendung finden (Bsp. Kleidung, Elektrogeräte, Autos (wobei wegen Linksverkehr wohl größtenteils aus UK und Japan) etc.), so ist die Menge insbesondere an Plastik, die jede Familie, jede Einrichtung oder Ähnliches ständig produziert und verbrennt, doch beachtlich. Denn Müll wird hier privat gesammelt und verbrannt, und zwar im Normalfall in einem kleinen oder großen Loch am Rand des Grundstücks. Dadurch liegt immer mal wieder ein beißender Geruch von verbranntem Plastik in der Luft, wenn man über die Straße geht.

Natürlich lässt sich auch nicht alles verbrennen, was so an Müll anfällt; zum Teil sind die Plastikprodukte einfach zu stabil und hartnäckig, als dass die Temperaturen des kleinen Feuers ausreichen, um diese in ein Häufchen Asche zu verwandeln, und zum Teil geht es auch einfach um Dinge, die ohne spezielle Müllverbrennung oder -trennung nicht vernünftig entsorgt werden können, wie zerbrochene Gläser oder leere Getränkedosen. Dann werden sie im Normalfall entweder mit in das Müllloch gegeben und bleiben dort, bis es irgendwann voll ist und zugeschüttet und verlegt wird, oder, insbesondere wenn kleine Kinder auf dem Gelände sind, einfach in die Latrine der Toilette geschmissen; aus diesem tiefen und großen Loch holt den Abfall auf jeden Fall niemand mehr hervor!

Um das Problem von herumfliegendem Plastikmülls, insbesondere in Städten und an großen Straßen, Geld in Kenia seit dem 1. September letzten Jahres ein Plastiktütenverbot, dass die Produktion, Verteilung und den Besitz jener unter absurd hohe Strafen stellt: Bis zu 40.000 $ oder vier Jahre Gefängnis drohen! Und auch, wenn dadurch tatsächlich größtenteils die zuvor allgegenwärtigen den Plastiktüten verschwunden sind, die einem bei Einkäufen in Markt und Supermarkt beinahe hinterhergeworfen worden waren,  so erfüllt auch diese Regelung nicht einmal ansatzweise die damit verbundenen Hoffnungen.

Abschließend möchte ich noch ein Beispiel: Im Projekt haben wir insgesamt zwei Löcher: In einem wird ganz normal der anfallende Müll gesammelt und regelmäßig verbrannt; in der Regel nachdem einmal pro Woche einige Kinder unter Aufsicht das Gelände von rumliegendem Plastik- und sonstigem Abfall befreien; und eines, in dem das gleiche mit den Massen an Windeln geschieht, die wir (bzw. die Kinder) ständig produzieren. Ich möchte an dieser Stelle übrigens noch einmal erwähnen, dass sich diese Beschreibung allenfalls auf den ländlichen Bereich Kenias übertragen lässt; denn in großen Städten ist die Situation schon eine andere und dort wird der Müll häufig gezielt außerhalb des Stadtgebiets auf Müllbergen zusammengetragen und verbrannt. Davon, wie dies organisiert wird, habe ich allerdings keine Ahnung…

Das Mülloch im Parish Auch mein Mülleimer ist manchmal voll, und der Abfall muss eben entsorgt werden Und da brennt das Plastik schön... Das Windel-Müllloch im Projekt

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Beim nächsten Thema dürften manche vermutlich direkt an ein Lied denken, das zu Unrecht viel zu sehr mit mir in Verbindung gebracht wird. Denn es geht um einen extrem wichtigen Rohstoff, und zwar um Holz! Was erst einmal sehr unspektakulär klingt, hat es echt in sich, und ist wesentlich komplexer und problematischer als das Thema Müll; denn Holz wird in Kenia viel verwendet, viel zu viel. Insbesondere beim Kochen spielt es eine entscheidende Rolle, wird in den meisten (nicht-urbanen) Haushalten doch größtenteils mit Feuerholz gekocht (wer sich da nichts (mehr) drunter vorstellen kann: Man stellt einen großen Topf auf drei großen Steine und legt einen brennenden Holzscheit da drunter). Schon dadurch entsteht ein nicht geringer Holzbedarf, doch das eigentliche Problem ist nicht das Kochen mit Holz selber, sondern das mit Holzkohle. Zwar mag die Verwendung dieser als Brennstoff in einer Kohleschale, auf die ein Topf gestellt wird, erst einmal ökologischer, komfortabler und böse gesagt „zivilisierter“ erscheinen, tatsächlich ist dies aber viel umweltschädlicher und gefährlicher. Dafür gibt es viele Gründe.

Zum einen gesundheitliche: Auch wenn Holzkohle reiner verbrennt und lange nicht so viel Rauch entstehen lässt (der einem das Leben im traditionellen, fensterarmen Küchenhaus zur Hölle machen kann), birgt sie eine große Gefahr. Denn man nimmt sie gleichzeitig viel weniger wahr, und als es vor einigen Jahren für kenianische Verhältnisse ziemlich kalt wurde, starben etliche Menschen an Kohlenstoffmonoxid-Vergiftung, weil sie nachts im Schlafraum Fenster und Türen schlossen und mit Holzkohle das Zimmer heizten. Und damit sind wir auch schon bei einem weiteren Problem der Holzkohle: Wie es Kohle nun mal an sich hat, gibt sie extrem viel Wärme an die Umgebung ab und ist somit energetisch extrem ineffizient, zumal sie zu Ende brennen muss, auch wenn man lange vorher fertig gekocht hat; einen Holzscheit oder Gasherd kann man demgegenüber einfach „ausmachen“. Aber das Problematischste an Holzkohle ist der Holzbedarf, der zur Herstellung dieser benötigt wird, und die damit verbundene Auswirkung auf die Umwelt. Denn zur Gewinnung von Holzkohle wird Holz unter Luftabschluss erhitzt, wodurch es nicht nur als Ausgangsstoff für die Kohle selber, sondern auch als Brennstoff für den Pyrolyseprozess benötigt wird.

Und da die Nachfrage nach Holzkohle in der ständig wachsenden, kenianischen Bevölkerung sehr hoch ist, auch wenn immer noch mehr mit Holz selber gekocht wird und Gas immer mehr Verwendung findet, ist auch der Bedarf an Nutzholz dementsprechend gewaltig. Damit einhergeht eine massive Waldrodung, die in weiten Teilen Kenias in den letzten Jahrzehnten die Baumbestände drastisch reduziert hat - und die Folge davon zeigt sich in den letzten Jahren immer deutlicher: schlechtere Bodenbeschaffenheit, weniger Wild und vor allem immer schlimmere Dürren. In 2016/17 gab es in Ostafrika eine verheerende Dürre, und während in den Nachrichten vor allem über die Krisenländer wie Jemen, Somalia, Äthiopien und Südsudan, in denen eine Hungersnot drohte oder sogar herrschte, berichtet wurde, so betraf sie dennoch auch die anderen Staaten in der Region, auch die fruchtbaren Länder Uganda und Kenia, die beide für eine sonst deutlich Überschüsse abwerfende Lebensmittelproduktion bekannt sind (wobei dies in Kenia nur für Teile des Landes gilt; für meinen beispielsweise nicht). Doch auch in den regenreichen Gegenden des Landes bzw. der ganzen Region, blieb für Monate der Regen nahezu vollständig aus und die Landwirtschaft geriet in eine tiefe Krise.

Nun mag man dies erst einmal auf das Wetterphänomen schieben, dass in diesem Jahr extrem ausgefallen war, und auch auf die Auswirkungen des Klimawandels darauf aufmerksam machen, und liegt damit ganz sicher nicht falsch. Doch zumindest, wenn man den kenianischen Politikern und Medien Glauben schenkt, ist das Problem auch ein Stück weit hausgemacht. Durch die massive Waldrodung kann z.B. das Regenwasser im Boden viel schlechter gespeichert werden, die Qualität dieses verschlechert sich ebenfalls stark, während Erosion bei starken Regenfällen begünstigt wird (Stichwort Desertifikation); und auch scheint der Waldbestand nicht unwesentlich die Menge an Regen bzw. die Heftigkeit der Dürren zu beeinflussen; von der kenianischen Regierung wurde übrigens ein Richtwert von 10% der Fläche des Landes ausgegeben, die mit Wald bedeckt sein sollten, doch mittlerweile liegt dieser Wert, auch durch illegale Rodung, nur noch bei 6,9%. So genau habe ich mich mit dem Thema nicht befasst und ich will nur ungern falsche Gerüchte in die Welt setzen, aber in den letzten Monaten (seit die Wahlen nicht mehr die gesamte kenianische Medienlandschaft dominieren) wird dieses Thema immer mehr in den lokalen Nachrichten aufgegriffen; zumal Bilder von verendenden Tieren gerade im (übrigens auch noch von der Al-Shabaab-Miliz geplagten) Nordosten Kenias leider immer noch eine gewisse Aktualität besitzen.

Wie brisant und aktuell das Ganze ist, zeigt auch ein Gesetz in Kitui County, meinem Nachbar-County, an dessen Grenze Kithyoko liegt. Dort ist seit Anfang des Jahres der Export von Holzkohle in andere Regionen des Landes verboten. Im Zuge dessen ist ein politischer Streit insbesondere zwischen der Gouverneurin, die diese Entscheidung gefällt hatte, und einiger anderer, Kohle importierender Counties ausgebrochen, an dessen Höhepunkt ein von der Gouverneurin konfiszierter LKW, der wegen eines mechanischen Schadens am Straßenrand stehen bleiben musste, von Unbekannten angezündet wurde und vollständig ausbrannte; das Ganze passierte in „Kanyoonyoo", gerade mal rund 20km von hier. Seitdem steht nicht nur dieses Gesetz, sondern auch die Gouverneurin selber immer mehr in der Kritik, weil ihr vorgeworfen wird, die Brandstiftung selbst in Auftrag gegeben zu haben. Befeuert wird der Konflikt nämlich dadurch, dass der LKW einem Unternehmen aus der Central Region, und damit aus dem Stammgebiet der Kikuyu, gehörte, und in Kitui County eben überwiegend Kambas leben. Alles sehr kompliziert - und neben umwelt- und wirtschaftspolitischen Interessen geht es auch wieder um Macht, Geld und den scheinbar ewigen Ethnienkonflikt.

Ihr seht also, das Thema des massiven Holzbedarfs, der Waldrodung und der nicht einmal ansatzweise ausreichenden Nachpflanzung von Bäumen ist ziemlich komplex und mindestens ebenso problematisch, und auch wenn es Versuche der Politik gibt, dagegen vorzugehen und das Problem einzudämmen, so muss man leider sagen, dass auch Export- und Rodungsverbote, Gesetze, die zu absurd hohen Nachpflanzungen verpflichten (bis zu 1000% des Abgeholzten) und eine deutlich verstärkte Überwachung dieser Regelungen wohl nicht wirklich etwas bewegen können, solange im ganzen Land weiterhin mit Holz und insbesondere im städtischen Bereich mit Holzkohle gekocht und ggf. auch geheizt wird. Das einzige, was wirklich helfen wird, ist eine weitere Veränderung der Preise (in den letzten 10 Jahren hat sich – laut meiner Mitbewohner – der Preis für Holzkohle vervierfacht, während Gas trotz hoher Inflationsrate wohl nur noch rund ein Drittel dessen kostet, was man früher für die gleiche Menge ausgegeben hat) und damit einhergehend eine massive Umstellung der Kochgewohnheiten für die allermeisten Kenianerinnen. Und so lange dies dauert (vermutlich ziemlich lange), ist zu befürchten, dass sich die Situation noch weiter verschlimmern und erneute oder sogar noch schlimmere Katastrophen nicht ausbleiben werden.

Nicht die Ursache allen Übels, aber dennoch für einige Probleme verantwortlich: Ein Holzkohle-Jiko (hier in der Küche vom Parish) Im ländlichen Raum wird aber meist noch mit Feuer gekocht: Drei Steine im Kreis stellen, Topf drauf, Holzscheit drunter!

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Doch nachdem ich nun über so viel eher Negatives berichtet habe, möchte ich zum Schluss noch auf eine Sache eingehen, die in Kenia wirklich gut funktioniert und auch ökologisch erfreulicher ist: Die Stromversorgung. Wie in weiten Teilen dieses eher regen- und höhenreichen Kontinents wird auch in Kenia der Großteil des Stroms aus Wasserkraft gewonnen. Dass dies so viel besser funktioniert als z.B. in Deutschland, lässt sich wohl nicht nur mit dem wesentlich geringeren Gesamt- und Pro-Kopf-Verbrauch erklären, sondern auch mit den geographischen Gegebenheiten. Der Großteil Kenias liegt auf über 1000, häufig auch über 2000 Höhenmetern (Kithyoko: ca. 1100, Nairobi: ca. 1800, Viktoriasee im Westen: ca. 1400), und der Indische Ozean, in den die meisten Flüsse münden, logischerweise bei 0. Durch diesen immensen Höhenunterschied, den jede Menge Wasser ständig zurücklegt, ergibt sich reichlich Energie, die zur Stromerzeugung genutzt werden kann, und dies wird in Kenia in großem Maße getan.

Wie in den meisten Ländern der Welt, so ist auch in Kenia die Stromversorgung in staatlicher Hand; die beiden dafür zuständigen Unternehmen KenGen (Erzeugung) und KPLC (Netz und Vertrieb) wurden zwar Anfang der 2000er teilprivatisiert, doch der kenianische Staat hält an beiden die absolute Mehrheit. Anders als in vielen Ländern wurde es in Kenia aber nicht verschlafen, die Stromproduktion ausreichend auszubauen, um den ständig steigenden Strombedarf zu decken. Dazu investiert KenGen seit Jahrzehnten in immer neue Kraftwerke, und produziert nun neben der Wasserkraft, die immer noch den Großteil des Strommixes ausmacht, auch verstärkt mit geothermischen, Öl- und Gaskraftwerken sowie Windrädern Strom. Insbesondere auf der Geothermie liegt dabei der Fokus, und so sind in den vergangenen Jahren in der Central Region schon etliche geothermische Anlagen errichtet worden und werden auch weiterhin ausgebaut. Außerdem wurden im allgemein eher wirtschaftsliberal geprägten Kenia auch private Stromanbieter zugelassen, sodass neben KenGen auch von anderen Firmen Strom in das kenianische Netz eingespeist wird; diese verwenden v.a. Gas, Wind- und Sonnenenergie zur Stromgewinnung. Von daher wird der kenianische Strommarkt von regenerativen und zukunftsfähigen Energieformen dominiert und ist dem deutschen somit gewissermaßen um einiges voraus.

Nichtsdestotrotz soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Kenia auch etliche Probleme mit der Energieversorgung gibt: Wohl am gravierendsten ist die mangelnde Erschließung des ländlichen Raums; insgesamt waren 2017 rund 55% der Haushalte in Kenia an das Stromnetz angeschlossen, wobei dort auch einiges getan wird: 2013 lag der Anteil noch bei 27%... Doch ein großes Problem dabei ist nicht nur, dass die Stromleitungen in den wirklich ländlichen Gebieten häufig noch nicht existieren bzw. nicht nahe genug an den einzelnen Haushalten verlaufen, sondern dass der Anschluss auch nicht ganz billig ist, ganz zu schweigen vom hohen Strompreis: Pro kWh werden über 20 ct fällig, ausgesprochen viel für ein Land wie Kenia! Die Alternative für viele Familien lautet zumindest in meiner (ziemlich sonnenreichen) Region, privat mit Solarplatte und Batterie für eine gewisse Grundversorgung (v.a. Lampe und Fernseher) zu sorgen. Und auch wer am Stromnetz angeschlossen ist, hat manchmal – wenn auch eher selten – mit Spannungsschwankungen und Stromausfällen zu kämpfen; mir ist aufgefallen, dass letztere fast immer zusammen mit Regenschauern auftreten, sodass ich vermute, dass das nicht unbedingt darauf ausgelegte Netz in meiner Gegend währenddessen manchmal einfach abgeschaltet wird, um Schäden zu vermeiden. Und dann gibt es in Kenia noch ein Problem: Leider wird aus gewissen historischen Gründen das britische Steckersystem verwendet, was etwas absurd ist, weil die allermeisten Dinge über einen Eurostecker verfügen, sodass häufig entweder ein Adapter oder die Zuhilfenahme von Stift und Kraft benötigt wird.

  Auch der Kalimbui-Stausee in meiner Nähe wird zur Stromerzeugung verwendet - wer sich erinnert: Dort war ich schon im Oktober

Und damit geht mein Bericht über einige  „Umweltaspekte“ Kenias auch zu Ende. Ihr seht, dass einiges hier anders gehandhabt wird , als man es vielleicht gewöhnt ist, und das mag kulturelle, gesellschaftliche, geographische, aber auch einfach finanzielle Gründe haben; zumal auch in Deutschland nicht unbedingt alles besser und ökologischer abläuft, ganz im Gegenteil! Ich hoffe, ihr fandet die Ausführungen recht interessant und wusstet nicht schon alles; lasst es mich gerne wissen… Ansonsten würde ich mich auch über weitere Themenvorschläge freuen, über die ihr gerne mehr wüsstet.

Bis zum nächsten Eintrag

Ole

Februar: Halbzeit mit Verlusten und viel Arbeit

Mittwoch, 28.02.2018

Sasa,
(bedeutet eigentlich jetzt, wird aber auch als „jugendlichere“ Begrüßung verwendet - Antwort ist selbstverständlich poa, oder, wenn es euch wirklich gut geht oder ihr freundlich-euphorischer antworten wollt, auch poa sana)

In der Überschrift habe ich Verluste erwähnt, und das hat auch einen Grund; diesen Monat sind gleich drei Leute / Dinge abhanden gekommen bzw. haben uns verlassen. Erstens: Musyoka ist weg! Also nicht so ganz weg, aber schon nicht mehr da. Denn er hat die Schule gewechselt und besucht nun eine spezielle Schule für gehörlose Kinder in Mwingi. Und so sehr ich mich für ihn freue, dass er nun hoffentlich die spezifische Unterstützung erhält, die er verdient und die ihn hoffentlich weiterbringt, so traurig bin ich auch über seinen Weggang. Und fast noch trauriger ist es, dass vermutlich nahezu niemand von euch überhaupt weiß, wer Musyoka ist, richtig? Nun - da muss ich wohl gleich mal etwas nachholen!

Musyoka ist ein zehnjähriger, sehr aufgeweckter und nahezu tauber Junge. Auf dem rechten Ohr hört er gar nichts, auf dem linken fast nichts. Soll heißen, wenn ich meinen Handylautsprecher auf volle Lautstärke stelle und direkt an sein Ohr halte, so nimmt er wahr, dass da Musik läuft (nach einigen Versuchen hat er es sogar bei halber Lautstärke hinbekommen). Wenn an Sonn- oder sonstigen Gottesdienst-Tagen die Musikanlage in der Halle auf eine für mich beinahe schmerzhafte Lautstärke aufgedreht wird (also genau richtig, wenn man die meisten Kenianer fragt), so schafft er es auch mit einiger Anstrengung, im Takt zu klatschen. Doch das war es auch, was sein Gehör derzeit zu leisten scheint. Zuletzt war Sister dabei, Spenden für ihn zu sammeln, um ihn auf diese Spezialschule zu schicken und damit irgendwann ein spezielles Hörgerät für ihn angeschafft werden kann (kostet rund 1000€), mit dem er hoffentlich etwas besser hören kann.

Und damit sind wir schon bei einem Problem angelangt: Musyokas Familie ist arm, also richtig arm! So arm, dass die Mutter zu Beginn der letzten Ferien vier Stunden durch die pralle Mittagshitze gelaufen ist, um Musyoka (und seinen älteren Bruder Kiliku, der ebenfalls unsere „Schule“ besucht) abzuholen, da sie nicht die 2€ für die Fahrt hatte; dabei noch einen Umweg in Kithyoko gemacht hat, um nicht Gefahr zu laufen, einer Freundin zu begegnen, bei der sie sich zuletzt 500 Shilling für Essen geliehen hatte. So arm, dass sie für beide Kinder keine Schulgebühren (im Normalfall 1500 ksh im Monat - also rund 12,50€) bezahlen muss. So arm, dass sie bisher erst einmal in ihrem ganzen Leben in Mwingi (der nächsten Stadt von ihrer Heimat aus) war. Und vor allem so arm, dass Sister ihr bzw. den beiden Söhnen für die Ferien einige Pakete Maismehl (für Ugali!) und anderes Essen mitgegeben hat, damit sie zu Hause genügend haben und nicht irgendwann dort nicht mehr hin zurückkehren möchten, weil sie es mit Hunger in Verbindung bringen. Bevor ich hier einen falschen Eindruck erwecke: Diese Armut ist keineswegs der Regelfall, aber kommt dennoch vor, und an genau dieser Stelle ist das MEDGO DEAR Centre so wichtig, weil es diese Familien unterstützen kann, insbesondere, weil Kinder mit Behinderung oftmals noch einmal eine zusätzliche Belastung darstellen.

Doch genug davon, zurück zu Musyoka: Trotz seiner deutlichen Einschränkung war er eindeutig nicht nur das aufgeweckteste, hilfreichste und verlässlichste Kind, wenn es um Unterstützung bei jeglichen anfallenden Aufgaben ging (was man auch bei einem „normalen“ Jungen seines Alters keineswegs erwarten kann), dazu halte ich ihn auch noch für außerordentlich intelligent. Zum einen war er mit Abstand der beste Schüler in der Klasse (und dies, ohne dass er irgendetwas von dem verstehen konnte, was die Lehrer sagten), innerhalb von wenigen Tagen hatte ich ihm beigebracht, wie meine Armbanduhr zu lesen und ins digitale zu übertragen ist, sodass er fortan ständig an meinem Arm zog, meine Uhr studierte und die Zeit in den Boden ritzte oder hektisch symbolisierte, dass wir mit Essen, Duschen etc. zu spät dran seien. Er war der einzige, dem ich guten Gewissens mein Handy anvertrauen konnte ohne Angst haben zu müssen, dass anschließend absurde Nachrichten verschickt oder mein Datenvolumen aufgebraucht sein würden, und auch der einzige, der Spiele wie Temple Run, Tetris, Candy Crush, Geometry Dash oder Flappy Bird verstanden und nicht nur wie bescheuert überall auf dem Bildschirm rumgedrückt und nach fünf Sekunden die nächste App gestartet hat (was übrigens auch für Spotify gilt, wobei er nicht mal hören konnte, was er da gerade angemacht hat, aber ausx den Reaktionen der anderen wusste er irgendwann, welche Lieder beliebt sind).

Zum anderen macht er den Mangel an Geräuschaufnahme mit einem beeindruckenden fotografischen Gedächtnis wett, kann sich auch neben der Bedienung meines Handys extrem viel merken, erstaunlich gut den Überblick behalten oder innerhalb kürzester Zeit finden, was man schon ewig sucht. Gefühlt wusste er fast immer mehr als man selber (was für mich gerade am Anfang sehr hilfreich war, wenn ich bei irgendetwas überfordert war, im Laufe der Zeit aber auch ziemlich anstrengend werden konnte), und nach einiger Zeit konnte ich mich mit ihm besser verständigen als mit Catherine, die gar kein Englisch spricht oder versteht; zum einen über eine sehr simple, einheitliche Zeichensprache, und zum anderen auch über normale Sprache: Insbesondere Namen kann Musyoka erstaunlich gut von den Lippen ablesen (auch dies ist vielleicht eine Art „Fotografie“…) und auf etwas eigene Weise auch selber aussprechen - ebenso, wie er begeistert, wenn auch etwas vergeblich, versucht hat, Vokale und Silben zu lernen. Fast noch beeindruckender fand ich, wie sicher er Vokabeln in Englisch und Suaheli beherrscht, ohne durchs Hören irgendein Verständnis für diese Sprachen oder Sprachen ganz allgemein besitzen zu können.

An dieser eineinhalb Seiten langen Lobeshymne erkennt ihr vielleicht schon, wie viel Musyoka mir bedeutete und wie sehr ich ihn gewissermaßen bewundert und gemocht habe, und in dem letzten halben Jahr hat sich zwischen uns trotz des minimalen Alters- und Rollenunterschiedes eine Art „stumme Freundschaft“ gebildet; und als er uns dann am Montag, dem 19.02., verließ, musste ich zu meinem Erstaunen tatsächlich kurz schlucken, obwohl ich schon seit einigen Wochen wusste, dass er wohl die Schule wechseln würde. Also: Nakutamani uende salama, Musyoka, na ufurahie shule ingine!

MUS

YOKA Hier mit Oscar, einem der beiden neuen Physiotherapeuten Ich werde dich vermissen!

 
Gewissermaßen gab mir dies auch schon einen Vorgeschmack auf den Abschied vom ganzen Rest in sechs Monaten, der mir nun vermutlich zumindest etwas leichter fallen dürfte und an den ich in der letzten Zeit noch öfter habe denken müssen, denn:

Nicht nur Musyoka hat uns verlassen, sondern fünf Tage später auch Agnès (endlich habe ich auch mal an diesen komischen Strich überm „e“ gedacht; ich hatte doch nie französisch!). Nach sieben Wochen sehr engagiertem Einsatz im Projekt ist ihr Freiwilligendienst nun zu Ende; und in den nächsten fünf Wochen will sie die Zeit nutzen, auf eigene Faust Kenia zu erkunden und so viel wie möglich von diesem Land zu sehen und von ihrem gelernten Suaheli Gebrauch zu machen; denn in dieser eher kurzen Zeit hat sie schon erstaunlich viel von der Sprache gelernt - so viel, dass Mwende der Ansicht war, die Verabschiedung doch größtenteils in Suaheli abhalten zu können. A pro pro Verabschiedung: Den Tag, bevor Agnès fuhr, habe ich größtenteils damit verbracht, einen Erinnerungskalender für sie zu machen (mit Fotos ausdrucken, zwölf Tabellen malen und die Kinder, die einigermaßen schreiben können, dazu zu animieren, diese dann auch auszufüllen), nachdem ich - zugegeben nicht wirklich zu meiner Verwunderung - rausgefunden hatte, dass weder Sister noch Mwende ein wirkliches Abschiedsgeschenk vorbereitet hatten. Umso besser, dass dann am Ende doch noch etwas da war, wo jeder vom Team sogar noch einen kleinen Abschiedsgruß hinterließ.

Und nach einem leckeren Abendessen und vorzeitigem Abschied nehmen von den MitarbeiterInnen am Freitagabend sowie von den Kindern am nächsten Morgen machte Agnès sich dann auf den Weg nach Nanyuki in der Central Region, von wo aus sie ihre Reise und damit den zweiten Teil ihres Aufenthalts in Kenia antritt. Noch kurz etwas zum Abendessen: Wie es der Verabschiedung einer Freiwilligen und sehr großen Hilfe im Projekt gebührt, wurden dafür zwei Hühner geschlachtet, und ENDLICH, nach sechs Monaten in Kenia, habe ich das auch einmal live miterlebt und bin nicht wieder erst zum Ausnehmen da gewesen. Das ganze lief ehrlich gesagt deutlich einfacher, unbrutaler und weniger „spektakulär“ ab, als ich es erwartet hätte, auch, weil die Hühner schon mit ihrem Leben abgeschlossen zu haben schienen, bevor es überhaupt losging. Selbstverständlich habe ich dieses Ereignis auch mit einem Video festgehalten und möchte es euch auch nicht vorenthalten; wer es sich ansehen will - einfach diesem Link folgen - aber Achtung, in dem Video stirbt ein Huhn! - : https://www.flickr.com/photos/158011996@N07/albums/72157664204729157

Und wo wir schon beim Schlachten sind: Anfang des Monats habe ich außerdem mitbekommen, wie im Parish eine Ziege ausgenommen wurde (für das Schlachten selber kam ich leider zu spät), wovon ich hier auch noch einmal was reinstellen will:

Da hängt eine Ziege ...wenn auch etwas inhaltslos

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Doch noch einmal zu der Zeit, bevor Agnès uns verließ: Während wir drei unter der Woche im Projekt mit erstaunlich viel Arbeit beschäftigt waren, haben wir uns für die Wochenenden, insbesondere für die Samstage, immer irgendwelche Ausflüge oder Beschäftigungen gesucht. Nachdem es Rebecca, Agnès und mich letzten Monat schon nach Matuu zum Viehmarkt sowie auf die Beerdigung von Bibianas Stiefnichte verschlagen hatte, ging es diesen Monat weiter: Zunächst haben wir uns nach Mwingi begeben und dort einen Hügel erklommen, von dem aus man einen sehr schönen Blick auf die Stadt sowie die Umgebung hatte. Und während wir es uns irgendwo auf dem Hügel bequem machten, um uns von dem Aufstieg in der Mittagshitze zu erholen und den Ausblick zu genießen, gesellte sich auf einmal ein Kenianer zu uns, der offensichtlich den Radioempfang auf dem Hügel ausnutzen wollte, sodass wir noch eine etwas unerwartete und merkwürdige Hintergrunduntermalung hatten. Allgemein fand ich den Ausflug nach Mwingi selber auch total spannend, weil ich dort bisher erst einmal (ganz zu Anfang zusammen mit Sandra) gewesen war und es damals dort nicht wirklich mochte, sodass ich anschließend immer nach Matuu bin. Und auch wenn ich Matuu irgendwie immer noch lieber mag, so hat sich mein Eindruck von Mwingi doch eindeutig etwas gebessert, u.a. weil es dort einen cool gemachten Kleidungs- und Stoffmarkt gibt.

Am darauffolgenden Samstag stand ein Ausflug zu Mercys Familie an, den ich schon länger geplant hatte. Dort haben wir (selbstverständlich neben einem leckeren, fleischhaltigen Essen) u.a. einen längeren Spaziergang über deren Ländereien, die größtenteils aus ebenfalls vertrockneten Feldern bestehen, sowie durch das danebenverlaufende, ausgetrocknete Flussbett unternommen. Übrigens: Das letzte Mal, dass dieser Fluss in der Regenzeit einigermaßen gefüllt war, liegt schon drei Jahre zurück, ebenso lange wie die letzte Ernte der Familie - v.a. wohl Klimawandel und Waldrodung sei Dank! Anschließend ging es noch weiter zu Mercys eigenem Haus, von dem aus wir eine Stunde durch die pralle Sonne und vorbei am mittlerweile fast fertiggestellten, chinesischen Eselschlachthaus zurück nach Kithyoko gelaufen sind. Bei Mercy hat es uns übrigens so gut gefallen, dass wir eine Woche später (an Agnès letztem Wochenende in Kithyoko) dort noch einmal hin sind und lecker gekocht haben.

Einen Tag vorher sind wir aber auf Agnès Wunsch hin noch nach Kitui, der nächsten wirklich großen Stadt hier, gefahren. Kitui liegt rund 2 Stunden oder 200 Shilling von Kithyoko entfernt und ist nicht nur Hauptstadt des gleichnamigen Counties, sondern mit 155.000 Einwohnern auch die größte Stadt der gesamten Kamba-Region sowie die zwölftgrößte Kenias. Was uns als erstes wirklich überrascht hat: Obwohl sich Kitui inmitten dieser trockenen Gegend befindet, in der auch wir leben (bzw. lebten), ist die Umgebung der Stadt erstaunlich grün. Der Grund dafür liegt in irgendwelchen geographischen Besonderheit, die irgendwas mit der Höhe und den Bergen in der Umgebung zu tun haben. Von daher ist Kitui eine Art ausgesprochen große, grüne Oase inmitten einer trockenen Steppe. Was ist sonst noch interessant an Kitui? - Es hat leider keinen wirklichen Stoffmarkt, sondern nur übers Stadtzentrum verteilte Stände, die so ziemlich die gleiche Auswahl an Lessos und Kitenge anbieten, wie man sie auch in Mwingi, Matuu und dienstags in Kithyoko findet. Dafür gibt es dort aber zwei kleine, nahezu leer stehende Malls sowie einen großen Supermarkt mit eigenem Restaurant, in dem man Pizza essen kann.

Wer aufgepasst hat, dem wird aufgefallen sein, dass noch eine dritte Sache fehlt, die ebenfalls weg ist; und in diesem Fall wirklich weg, denn es handelt sich dabei um mein Portemonnaie. Das letzte Mal, dass ich es gesehen und benutzt habe, war im Matatu auf der Rückfahrt von Kitui, und irgendwann zwischen dort und dem nächsten Morgen, wo ich es auch nach mehrfachem, gründlichen Durchsuchen meines Zimmers und aller Taschen nicht mehr auffinden konnte, muss es mir abhanden gekommen sein, wo und wie auch immer. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass es mir im Matatu aus der Tasche gefallen oder gestohlen worden ist, ohne dass ich es bemerkt habe, und dann von irgendjemandem mitgenommen wurde, denn der Fahrer hat es dort (nach eigener Aussage) nicht mehr gefunden. Naja, irgendwann muss wohl jeder mal diese Erfahrung machen - für mich ist es nur besonders ärgerlich gewesen, weil ich in Kitui gerade noch am Geldautomaten 10.000 Shilling (rund 80€) abgehoben und diese sowie meine Kreditkarte nun verloren habe. Wenigstens freut sich irgendein Kenianer jetzt wohl über ein durchschnittliches Monatsgehalt - und bis mein Vater und Bruder nächsten Monat kommen und mir rine neue Karte mitbringen können, werde ich mir wohl von Rebecca ausreichend Geld leihen können…

Mwingi:

Mwingi von oben - trocken, aber irgendwie auch idyllisch ... ... wie eigentlich die ganze Region, in der ich lebe Hat aber irgendwie schon echt was, oder? Und wie immer mache ich jedes Bild hässlicher, das kann ich euch natürlich auch nicht ersparen!

 

Besuch Mercys Familie:

Das Grundstück von Mercys Eltern Sehr viel Feld, sehr viel rotbraun, sehr viel trocken - kommt mir irgendwie bekannt vor Und auf zu neuen Ufern - Äh, Flüssen - Äh, Wadis! Und das Flussbett, das ist voller Steine ... ... deine, meine, große kleine (na, wer kennt das Lied?) Drei Wazungu mit einem freundlichen Begleiter, der uns sein zu Hause zeigt Die Stoffe aus Matuu - ein wenig EinheitskleidungUnd zu guter Letzt noch Mercys zu Hause

 

Kitui:

Kitui: Hat einige hohe Häuser und ist eindeutig VIEL grüner! Und auch hier gibt es das in Matuu hergestellte BESTE White Bread (zoomt mal auf den LKW!) Pizza, Pizza! Zum Schluss sind wir noch ein Stück aus der Stadt raus - und es ist doch echt schön

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Und direkt auf diese „verlustreiche“ Woche, die am 17.02. mit meinem Portemonnaie begann, zwei Tage später mit Musyokas Schulwechsel weiterging und am darauffolgenden Samstag mit Agnès Abreise endete, folgte noch ein weiteres, nicht unwichtiges Ereignis, durch das ich nach Musyokas und Agnès Verabschiedung gleich noch ein drittes Mal an das Ende meines Freiwilligendienstes und das damit verbundene Abschied nehmen von Projekt und Kithyoko denken musste, und das mich immer noch etwas beschäftigt: Und zwar direkt am Samstag, an dem Agnès fuhr und den ich anschließend bei der Arbeit verbracht hatte, da Bonface‘ Familie (bei denen wir letztes Jahr im Oktober waren) mit Anhang zu Besuch kam, eine Menge Feuerholz vorbeibrachte und wir beiden verbliebenen Freiwilligen bei diesem Ereignis dabei sein sollten. Da die Besucher selbstverständlich nicht wie geplant zur lunchtime da waren, sondern deutlich später kamen, wir erst um fünf mit Vorstellungsrunde etc. begannen und es somit schon viel später als üblich war, als die Kinder ihr Abendessen beendet hatten, ließ ich mich dazu überreden, selber noch zum Abendessen (Chapati mit Bohnen; schließlich waren ja Besucher da…!) im Projekt zu bleiben.

Dadurch hatte ich Zeit, die Jungen noch ins Bett zu bringen; zumindest die jüngeren, denn währenddessen versuchten die älteren, mich dazu zu überreden, bei ihnen im Schlafsaal zu übernachten. Wodurch ich tatsächlich beschlossen habe, mir dies mal eine Nacht lang antun zu wollen, wenn auch nicht in dieser. Wie dem auch sei, auf jeden Fall habe ich in einem kurzen, stillen Moment (die Kinder schienen für kurze Zeit aufgegeben zu haben) mich müde auf ein Bett gesetzt und gedankenverloren auf meine Uhr gestarrt, bis ich irgendwann realisierte, dass diese mir mitteilte, es sei der 24. Februar. Und wie ein Geistesblitz fiel mir auf: Das müsste ziemlich exakt die Hälfte meines Freiwilligendienstes sein. Denn ich bin am 26.08.2017 gelandet und werde aller Voraussicht nach am 23.08.2018 Kenia verlassen (mittlerweile habe ich rausgefunden, dass ich am 24.02. schon 182 Tage in Kenia war und nur noch 180 vor mir lagen, aber naja….) Das heißt: Von nun an liegt der längere Teil meines Auslandsaufenthalts hinter mir! Und während ich noch versuchte (bzw. immer noch versuche), diese Erkenntnis irgendwie zu verinnerlichen, stand mein Halbjahresbericht an. Von daher werde ich nun, anstatt für den Blog noch ein gesondertes Fazit des letzten halben Jahres zu ziehen, einfach diesen Bericht anhängen, wer will, kann sich das gerne noch durchlesen, wobei euch viele Dinge daraus schon bekannt vorkommen dürften.

Ansonsten wünsche ich euch noch einen schönen März mit einem frühen Frühlingsbeginn und warte weiter auf das hoffentlich baldige Einsetzen der Regenzeit in Kithyoko!

Bis zum nächsten Mal

Ole

 

 

 

Zwischenbericht über meinen Freiwilligendienst nach sechs Monaten

 

Name: Ole Gildemeister

Freiwilligendienst: einjährig; weltwärts-gefördert; Kenia - Ausreise Sommer 2017

Projekt: „MEDGO DEAR Centre Kithyoko“ in Kithyoko (Sub-County: Masinga; Machakos County)

Berichtstyp: Sechsbericht

 

„Krass, jetzt sind schon sechs Monate vergangen und die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes ist angebrochen“ - Diese Erkenntnis überkam mich ziemlich überraschend letzten Samstag, dem 24. Februar 2018, als ich am Abend nach einer anstrengenden Arbeitswoche (da an diesem Tag Besucher im Projekt waren, wurde ich gebeten, am Samstag zu erscheinen - dafür hatte ich dann aber am Montag frei) die Jungen ins Bett gebracht hatte und in einem kurzen Moment der Stille die Bedeutung der „24“ auf meiner Uhr zu begreifen schien. Wobei „begreifen“ in diesem Fall eindeutig das falsche Wort ist, da ich bisher noch nicht wirklich begreifen kann, dass tatsächlich schon der längere Teil meines Aufenthalts in Kenia hinter mir liegt.

 

Und was waren das doch für sechs Monate: Ich war das erste Mal für längere (bzw. eine sehr lange) Zeit von meiner Familie, meinem zu Hause, meiner gesamten gewohnten Umgebung , sogar meinem Heimatland und -kontinent getrennt und habe mich mehr oder weniger alleine auf ein „Abenteuer“ in Kenia eingelassen. Und habe hier bisher schon so viele tolle Sachen gesehen, erlebt und erfahren. Das mit Abstand Wichtigste davon ist selbstverständlich Kithyoko, einem kleinen Dorf in der trockenen Eastern Region, wo ich seit Anfang September letzten Jahres im Pfarrhaus der katholischen Kirchengemeinde lebe und in einem Zentrum für Kinder mit Behinderung arbeite. Doch auch daneben habe ich in einigen kürzeren Reisen andere Regionen Kenias kennengelernt, viele weitere Erfahrungen gesammelt und einfach die Zeit genossen. Und nun, nach sechs Monaten, ist dieses Land und mein Leben hier für mich schon so lange völlig alltäglich geworden, dass ich nicht nur keine Vorstellung mehr davon habe, wie sich die derzeit in Deutschland herrschenden Minustemperaturen anfühlen, sondern auch nur sehr schwer begreifen kann, in sechs Monaten „schon“ wieder das Flugzeug in Richtung Deutschland zu betreten.

 

Gleichzeitig sorgt dieses „Alltäglichkeitsgefühl“ zusammen mit der Länge meiner normalen Arbeitstage (ca. 8.45 Uhr bis 17.45 Uhr), der Menge an Arbeit, die ich verrichte bzw. verrichten kann, und meiner allgemein sehr großen Zufriedenheit mit meiner derzeitigen Situation dafür, dass es mir so vorkommt, als würde ich hier schon ewig leben. Und ich glaube, dass dies ein sehr gutes Zeichen ist, weil es zeigt, wie gut und schnell ich hier angekommen bin und mich eingewöhnt habe, und wie wohl ich mich hier allgemein fühle; schon nach rund einem Monat hatte ich, als ich von einem Besuch der Freiwilligen in Ngong zurückkam, das Gefühl, wieder zu Hause zu sein - und mittlerweile fühlt sich (fast) alles hier so vertraut an, dass es mir schon fast surreal vorkommt, wie anders viele Dinge doch sind verglichen mit dem, was ich bisher gekannt hatte.

Allerdings ist natürlich auch nicht alles so, wie ich es mir wünschen würde: So muss ich zugeben, dass ich lange nicht so viel Kontakt zu den „Einheimischen“ aufgebaut habe, wie ich es anfangs gehofft hatte, und auch mein Verhältnis zu meinen Mitbewohnern nicht das aller engste ist. Wobei ich damit gar nicht meine, dass wir uns nicht verstehen oder Streit haben oder Ähnliches (zumal Streitigkeiten in Kenia sowieso viel weniger und anders ausgetragen werden als in Deutschland), sondern vielmehr, dass das Pfarrhaus ganz allgemein eher einer „Zweck-WG“ als einer Gastfamilie ähnelt, in der man mehr neben- als miteinander lebt; womit ich auch keine großen Probleme habe, aber dennoch bin ich das alles mit einer etwas anderen Erwartungshaltung angegangen.

 

Und wo ich schon bei meinen geistlichen Mitbewohnern bin: Da die Messen immer in Kikamba, der regional gesprochen Muttersprache, abgehalten werden, bin ich irgendwann dazu übergangen, statt den katholischen Messen lieber den Gottesdiensten in der hiesigen A.I.C (African Inland Church) beizuwohnen, in denen Kiswahili und English verwendet werden (ich weiß, dass ich auch versuchen könnte, neben Kiswahili auch Kikamba zu lernen, allerdings will ich mich dann lieber auf die Nationalsprache Kenias konzentrieren, in der ich auch so schon langsam genug Fortschritte mache). Und neben der Sprache gefallen mir dort auch die Gottesdienste selber besser - mit etlichen Besonderheiten der katholischen Kirche und der Messen bin ich nie wirklich warm geworden. Doch auch dort ist es mir bisher nicht wirklich gelungen, Fuß zu fassen und Kontakt zu Gleichaltrigen aufzubauen, vielleicht auch, weil ich dort automatisch zu der Gruppe der „erwachsenen Männer“ gezählt werde. Doch hauptsächlich dürfte es daran liegen, dass ich noch nie gut darin war, direkt auf andere zuzugehen, und mich stattdessen lieber zurückgehalten habe. Hinzu kommt noch, dass ich im Normalfall so viel Zeit bei der Arbeit verbringe, dass ich auch nicht wirklich vielen Freizeitaktivitäten nachkommen könnte.

 

Allerdings glaube ich, dass jeder Mensch, der in meiner Situation ist oder war, also mit 18/19 Jahren mehr oder weniger alleine in einem völlig fremden Land zu leben, in der dich fast jede/r erst einmal als Mzungu (die Bezeichnung für alle „Weißen“ in Kenia) abstempelt, auch sehr gut nachvollziehen kann, wie schwierig es ist, Kontakte aufzubauen. Nichtsdestotrotz ist es auch nicht so, dass ich niemanden in Kithyoko wirklich kenne und gar keine Kontakte geknüpft habe. So bin ich zum Beispiel Anfang Dezember mit Bibiana - ehemals Köchin im Parish, nun „Nählehrerin“ in der katholischen Polytechnic Kithyokos - auf der Abschlussfeier ihrer Tochter Delfina gewesen, die die Universität beendet hat; oder habe zusammen mit meinen seit Januar in Kithyoko lebenden Mitfreiwilligen den Tag bei einer in der Nähe wohnenden Familie verbracht und dort gekocht. Von daher soll dieser Bericht gar nicht den Eindruck erwecken, als wäre ich hier vollkommen alleine, denn dies entspräche keineswegs der Realität, außerdem werde ich mich im kommenden halben Jahr selbstverständlich auch bemühen, mich weiter in die Gemeinschaft zu integrieren.

 

Den Großteil eines (Wochen-)Tages verbringe ich in meinem Projekt, dem MEDGO DEAR Centre Kithyoko, das ich schon im Dreimonatsbericht und auf meinem Blog (oleinkenia.auslandsblog.de) ausführlicher vorgestellt habe. Anders als in vielen anderen Projekten, in denen Freiwillige eingesetzt werden, herrscht in meinem ein fester Zeitplan, mit dem feste Aufgaben verbunden sind, die erledigt werden müssen und bei denen ich normalerweise helfe, wo ich kann. Im Laufe der Zeit habe ich dabei eine feste Routine entwickelt, die maßgeblich auch meinen Alltag bestimmt. Und da es fast immer etwas zu tun gibt und ich versuche, mich so gut wie möglich einzubringen und den Mitarbeitern unter die Arme zu greifen, wo es geht (gerade den beiden Matrons, die jeden Tag unfassbar viel Arbeit erledigen müssen), habe ich weniger das Problem, aus Langeweile im Projekt einzugehen, sondern eher, dass meine Arbeitstage relativ lang und anstrengend sind und ich nicht wirklich dazu komme, noch andere Dinge (im Projekt) zu realisieren; so plane ich eigentlich seit Wochen, eine Solarofen-Box zu bauen, mit der man bei dem Anteil der Sonnenstunden in Kithyoko hoffentlich ganz gut z.B. Wasser zum Kochen bringen könnte, und ich hatte auch einmal angefangen, mich um eine Website für das Projekt kümmern, auch dies weiterzuführen, ist mir mangels Zeit bisher nicht gelungen. Wobei dies nicht damit zusammenhängt, dass mir von der Projektleitung aus strikte Vorgaben gemacht werden, was ich alles tun soll, sondern vielmehr damit, dass ich dann doch immer wieder etwas finde, wo ich erst einmal helfen kann, und von daher selber dafür verantwortlich bin, dass ich zu nichts anderem komme.

 

A pro pro Projektleitung: Mit meinen Kolleginnen und Kollegen verstehe mich soweit eigentlich sehr gut; logischerweise mit einigen besser als mit anderen, allerdings habe ich auch hier mit niemandem größere Probleme oder Konflikte. Allgemein habe ich auf jeden Fall das Gefühl, dass die Arbeit, die ich verrichte (bzw. neuerdings ja wir als Freiwillige), dem Projekt und den Kindern insgesamt zugutekommt und die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spürbar entlastet, und das Ganze auch mir zumeist sehr viel Spaß bringt.

Da sowohl ich als auch mein Projekt (soweit ich und der ICYE Kenya dies aus den bisherigen Rückmeldungen mitgenommen haben) soweit eigentlich sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation sind, habe ich mir jetzt keine großen Ziele mehr vorgenommen an Dingen, die ich gerne ändern würde. Nichtsdestotrotz will ich versuchen, mich relativ bald mal mit meiner Kochkiste auseinanderzusetzen und ansonsten weiterhin bestmöglich im Projekt einzubringen, um dieses zu unterstützen und zum Gelingen beizutragen; oder, wie es in Kenia wohl eher ausgedrückt würde: „I will try to contribute to the project as much as possible to deliver quality to the children“.

 

Natürlich gibt es auch einiges, das mir dort nicht so gut gefällt: Dazu gehört vor allem die meiner Auffassung nach z.T. sehr ungleiche Aufgabenverteilung unter allen Beschäftigten (nicht unbedingt auf dem Papier, aber auf jeden Fall in der Praxis) oder auch ein gewisser, wenn auch nicht ausgetragener Konflikt zwischen der meistens abwesenden Projektleiterin Sister Magdaline, die v.a. in Nairobi ist, um Spenden für das Projekt zu sammeln, und einigen anderen, die zunehmend genervter von ihren in der Theorie schön klingenden, in der Realität aber häufig unsinnvollen oder schwierig umzusetzenden Ideen und ihrer oftmals sehr „kenianischen Führungs- und Herangehensweise“ (Zitat von Mwende, Sisters Stellvertreterin) sind.

 

Allerdings ist dies alles schon Meckern auf sehr hohem Niveau. Denn abschließend kann ich nur festhalten, dass ich mit meiner derzeitigen Situation wirklich zufrieden bin und mich sehr glücklich schätze, diese tolle Erfahrung, hier zu leben, machen kann. Wie gut es mir hier geht, kann man auch sehr schön daran erkennen, was die beiden Tage / Ereignisse sind, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an meine bisher schlechtesten Erfahrungen oder unschönsten Momente denke: Zum einen fällt mir dabei der 22. November ein, der Tag vor Beginn einer seit langem geplanten Reise nach Migori im Südwesten Kenias, an dem der oberste Gerichtshof die Klagen gegen die Präsidentschaftsneuwahl abgewiesen und dadurch massive Ausschreitungen in ebenjener Region ausgelöst hatte, wodurch ich befürchtete, die Reise aufgrund politischer Unruhen erneut verschieben zu müssen; und zum anderen kommt mir dabei eine noch sehr frische Wunde in den Sinn: Denn ich habe Mitte Februar mein Portemonnaie samt Kreditkarte und 10.000 Shilling verloren.

Doch wie schon gesagt: Für ein halbes Jahr in einem fremden Land stehen auch diese „schlechtesten Erfahrungen“ wohl für eine sehr positive Gesamtbilanz.

 

Beenden möchte ich nun diesen Zwischenbericht noch einmal mit einem Dank an alle, die mir dieses großartige erste halbe Jahr in Kenia ermöglicht haben: Meine Familie, meine Unterstützer im Förderkreis, meine Austauschorganisationen ICJA Freiwilligenaustausch weltweit und ICYE Kenya sowie das BMZ, dessen Förderprogramm weltwärts den Großteil der mit meinem Freiwilligendienst verbundenen Kosten abdeckt.

 

Euch allen kann ich nur sagen: Asanteni sana!

Duschen, Putzen, Waschen, Kleidung - Aus dem Alltag

Samstag, 17.02.2018

Wie im letzten Eintrag schon angekündigt, möchte ich ab nun gerne mehr auf eure Wünsche eingehen und versuchen, möglichst viel über das zu schreiben, was euch interessiert. Da ich seit dem letzten Artikel noch fast keinen Themenvorschlag erhalten habe (ich weiß, dass die meisten von euch den Blog nicht so regelmäßig verfolgen und meine Aufforderung vermutlich noch gar nicht gesehen haben - deshalb weiterhin die Bitte: Schreibt mir, worüber ihr gerne mehr erfahren würdet!), will ich heute etwas mehr auf das Alltägliche aus meinem Leben und dem der Menschen um mich herum eingehen, heute mit einem gewissen Sauberkeits- und Wasserbezug:

Wie duscht man sich mit einem Eimer? Wie sieht das mit dem Waschen von Kleidung in Kenia aus? Sind noch viele Menschen traditionell gekleidet? Ist das Putzen des Hauses etc. anders als in Deutschland? Ich kann leider nur sehr schlecht einschätzen, wie interessant ihr dieses Thema tatsächlich findet, deshalb würde ich mich hier wirklich über Rückmeldungen freuen!

 

Kleidung (nguo) und diese waschen (kufua):

Beginnen möchte ich dabei mit etwas, das allgemein sehr viel Zeit in Anspruch nimmt: Mit dem Waschen von Kleidung. Ich kann mich noch daran erinnern, irgendwann (vor 2 Jahren oder so) einmal in der „taz“, unserer Tageszeitung, auf einen Artikel gestoßen zu sein, in dem die Erfindung des Internets mit der der Waschmaschine verglichen wurde. Klingt erst einmal total bescheuert, doch ich fand das Ganze wirklich interessant, weil ich vorher nie darüber nachgedacht hatte, wie sehr die Verbreitung von Waschmaschinen (die für mich absolut normal und alltäglich waren) die Gesellschaft gerade in emanzipatorischen Aspekten verändert haben mag. Denn wenn vorher im Normalfall die Frauen stundenlang mit Wäsche waschen beschäftigt waren, hatten sie auf einmal viel mehr Zeit für andere Beschäftigungen - und ich fand es eine spannende Frage, wie Deutschland wohl aussähe, wenn es keine Waschmaschinen gäbe.
Während ich nun an diesem Blogeintrag sitze und über das Thema „Waschen“ nachdenke, ist mir auf einmal wieder dieser Artikel eingefallen; und wo ich nun in Kenia lebe, wo Waschmaschinen eine absolute Ausnahme sind (die reicheren und mittelständigen Familien stellen im Normalfall einfach eine Haushaltshilfe ein, die sich um die Wäsche kümmert - bei den Lohnkosten kein Wunder; und der Rest wäscht eben selber), habe ich irgendwie noch einmal einen ganz anderen Blickwinkel darauf bekommen.

Denn die Wäsche immer mit der Hand zu waschen, ist wirklich zeitaufwändig und wird im Normalfall von den (Haus-) Frauen erledigt. Gerade wenn die Familie nun noch relativ groß ist (mehr als fünf Kinder sind keine Seltenheit), so nimmt das Waschen zusammen mit Kochen, Putzen und anderen Arbeiten schon einen guten Teil des Tages in Anspruch. Hinzu kommt noch, dass Kenianer sehr auf „Sauberkeit“ achten, gleichzeitig die Klamotten, insbesondere wenn man viel mit Kindern zutun hat (was bei der Demographie Kenias schwer zu vermeiden ist), eher schnell dreckig werden - und somit sehr viel Wäsche anfällt. So sind z.B. die beiden Matrons in meinem Projekt jeden Tag etliche Stunden mit dem Waschen von Kleidung, Bettlaken, Decken etc. der Kinder beschäftigt.

Gewaschen wird stets draußen, gerne auch in der prallen Äquatorsonne, und zwar im Normalfall mit zwei mit kaltem Wasser gefüllten Schüsseln: In der ersten wird die Wäsche mit SEHR VIEL Waschmittel vollgesogen und dann unter viel „Schrubben und Wringen“ (das ist irgendwie schwer zu beschreiben) mit den Händen und ggf. unter Zuhilfenahme einer Bürste brutal malträtiert, bis sie sauber ist. Anschließend wird alles in sauberem Wasser kurz ausgewaschen und aufgehängt. Dabei liegt der Fokus in der Regel aber eindeutig darauf, dass die Sachen sauber sind, weshalb sehr viel Waschmittel verwendet, dieses aber häufig nicht wirklich rausgewaschen wird; dass die Klamotten häufig noch so von Waschmittel triefen, scheint die meisten eher weniger zu interessieren. Da mich persönlich Letzteres allerdings nicht so sehr begeistert, verwende ich einfach deutlich weniger Waschmittel (gefühlt ein Drittel der „normalen“ Menge), was eigentlich auch ganz gut funktioniert. Mit meiner eigenen Wäsche verbringe ich übrigens schätzungsweise so drei bis vier Stunden pro Woche - meist aufgeteilt auf zwei Tage, damit es nicht zu viel auf einmal ist.

 

Falls ihr euch fragt, was für Wäsche hier meistens anfällt bzw. was für Kleidung im Normalfall getragen wird: Das ist tatsächlich etwas regionen- und ethnienabhängig. So findet bei den Maasai, dem durch die Nähe zu den Nationalparks und der auswärts großen Beliebtheit der zumeist noch romantischen, „afrikanisch-halbnomadischen“ Lebensweise wohl bekanntesten ostafrikanischen „Volksstamm“, traditionelle Kleidung noch sehr viel Verwendung – und bestimmt kennt ihr auch alle die Bilder von großen, schlanken Maasai-Kriegern oder -Hirten, die in lange bunte Kleider gehüllt in einer unendlich weiten Steppe stehen. Und ich möchte hier auch gar nicht sagen, dass das soweit gar nicht in der Realität zu finden ist, denn das Maasai-Gebiet besteht tatsächlich v.a. aus einer dünn besiedelten Steppe und die meisten Bewohner sind noch traditionell gekleidet und haben eine halbnomadische Lebensweise. Allerdings machen die Maasai nur rund 3% der kenianischen Bevölkerung aus (und in Tansania auch nicht viel mehr) und repräsentieren somit kaum die ganze Region. Denn gerade in Nairobi, aber auch in den allermeisten Landesteilen Kenias, findet sich ein ganz anderes Bild:

Hier wird nahezu ausschließlich die „normal-westliche“ Kleidung getragen, die sogar zumeist aus europäischen Ländern als Second-Hand-Ware (bzw. als Brauchbares aus dem Altkleidercontainer) importiert und hier unter der Bezeichnung Mutumba (nicht zu verwechseln mit Matumbo - Innereinen) zu absoluten Spottpreisen verkauft wird (so hat z.B. eine Mitfreiwillige in Migori ein T-Shirt für 10 Shilling, also rund 8 Cent, erworben). Und angesichts dieser absoluten Dumpingpreise ist es auch nicht allzu verwunderlich, dass die Bevölkerung lieber zu diesen Klamotten greift, anstatt die ehemals starke lokale Stoff- und Kleidungswirtschaft zu unterstützen. Insbesondere Männer sieht man (außerhalb der Maasai-Gegend) tatsächlich fast gar nicht mehr mit „traditionellen Sachen“ rumlaufen, allerhöchstens findet sich hin und wieder mal ein Kitenge-Hemd (vom denen ich mir mittlerweile ja auch ein paar habe schneidern lassen), allerdings ist auch dies eine absolute Ausnahme!

Etwas anders ist es da bei Frauen, die zumindest in meiner Region noch häufiger Kitenge oder anderweitig hier geschneiderte Kleider tragen, insbesondere sonntags; außerdem sind so genannte Lessos (Kanga) hier relativ verbreitet, rund 1x1,5 m große, bunte und mit einem Spruch in Suaheli versehene Stoffe, die Frauen um die Hüfte gewickelt als eine Art Rock tragen. Doch auch dies ist je nach Region sehr unterschiedlich: So finden sich in Nairobi, aber laut meiner Mitfreiwilligen  z.B. auch in Migori, diese Kleidungsstücke nur noch spärlich… Der Unterschied zwischen Kitenge und einer Lesso besteht übrigens neben dem unterschiedlichen Gebrauch vor allem im Material: Während der meist etwas teurere und hochwertigere Kitenge-Baumwollstoff ein durchgehendes Muster aufweist und in den verschiedensten Größen und Ausprägungen zu finden ist, besitzen Lessos eine einheitliche Größe, einen breiten, anders als die Mitte bedruckten Rand und sind meistens nur aus Nylon.

 

Doch so viel zur Kleidung; viel interessanter als das Waschen dieser in kenianischer Manier (was mir anfangs übrigens erst einmal beigebracht wurde, da irgendwie jeder davon überzeugt war, dass ein Mzungu das nicht kann) ist die Sauberkeit von Schuhen. Denn wie schon gesagt, sich nach außen hin sauber zu präsentieren, finden die Menschen hier extrem wichtig, und dazu gehört eben auch, dass die Schuhe nicht dreckig sind. Was wirklich ein Problem ist, wenn man ununterbrochen je nach Region und Niederschlagsmenge entweder über einen matschigen oder einen sehr staubigen Boden läuft - so sind meine Schuhe gefühlt schon nach meinem Weg zur Arbeit völlig von Staub bedeckt und haben sich somit perfekt an die Umgebung angepasst ... Die Lösung: Entweder die allgemein sehr verbreiteten Gummisandalen tragen oder ständig seine Schuhe putzen. Da ich erstere absolut nicht ausstehen kann, ist wohl klar, für welche Möglichkeit ich mich entschieden habe.

Allerdings gibt es dabei ein Problem: Denn da insbesondere in meiner Region nicht nur ein bisschen Dreck an der Sohle klebt, das mit einer Bürste einfach entfernt werden kann, sondern vielmehr der ganze Schuh nur so von Staub trieft, werden zumindest Stoffschuhe genau wie Klamotten richtig gewaschen. Soll heißen: Zunächst in einer mit Waschmittel-Wasser-Lösung gefüllten Schüssel von innen und außen mit der Bürste geschrubbt, anschließend ausgewrungen, in einer anderen Schüssel vom Waschmittel befreit, wieder ausgewrungen und dann auf der Wäscheleine aufgehangen. Kein Witz: Habt ihr schon einmal eure Schuhe wie Handwäsche gewaschen und anschließend zum Trocknen an einer Leine befestigt? Also ich nicht… Und da soll noch mal einer sagen oder denken, dass die Menschen in Afrika dreckig oder unhygienisch sind! - Tatsächlich ist es sogar ganz lustig (oder eher traurig), dass demgegenüber gerade durch eine gewisse Hippie-Bewegung und faule Wazungu, die nicht wie hier üblich täglich duschen und ständig Klamotten und Schuhe waschen, das Vorurteil entstanden ist, dass „Weiße“ eher ungepflegt sind….

Noch einmal zu den Schuhen: Weil ich nicht die Zeit und Lust dazu habe, jeden Tag nach der Arbeit noch meine Schuhe zu waschen, nur damit sie am nächsten Morgen noch nass und zwei Stunden später schon wieder dreckig sind, habe ich mir angewöhnt, zwei Paar Schuhe zu benutzen: Eines im Alltag, insbesondere im Projekt, wo sie wirklich schnell dreckig werden; diese wasche ich immer samstags nachmittags (und befreie sie ggf. zwischendurch noch einmal mit einer Bürste vom gröbsten Staub), sodass sie sonntags trocknen können, wo ich zum Kirchgang meine „besseren“ Schuhe anziehe, ebenso wie zu sonstigen Anlässen, wo ich mich nicht für meine „braunen schwarzen Schuhe“ schämen oder einen falschen Eindruck nach dem Motto „Wazungu sind dreckig“ hinterlassen will. Ihr seht: So viel Staub kann echt kompliziert sein!

 Meine Waschschüsseln im Parish - sogar mit eigenem Wasserhahn Schuhe an der Leine (im Hintergrund stehen übrigens Bananenpflanzen, die mit unserem Wasch- und Abwasser bewässert werden Den halben Tag am Waschen: Dorcas und Winrose - die beiden Matrons im MEDGO DEAR Centre

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„Duschen“ (kuoga):

Und wo ich schon beim Thema Sauberkeit bin und wie wichtig diese KenianerInnen ist (wobei, eigentlich dreht sich darum ja der gesamte Blogeintrag!), darf ich natürlich das Duschen nicht vergessen. Schon beim Arrival Camp Ende August wurden wir darauf hingewiesen, wie viel Wert hier darauf gelegt wird, einen „sauberen Körper“ zu haben. Dementsprechend ist es das Mindeste, wenigstens einmal am Tag zu duschen; häufig auch mehrmals (die Gastmutter einer Mitfreiwilligen in Migori z.B. duscht wohl meist vier bis fünf Mal am Tag…). Hierbei hat das Wort „Duschen“ bzw. Showering allerdings eine etwas andere Bedeutung, als mein Verständnis davon vor Kenia war. Denn ein Duschkopf mit fließend Wasser ist in Kenia eine Seltenheit (nicht ganz so selten wie Waschmaschinen, aber auch alles andere als verbreitet); im Normalfall gibt es anstelle dieser einen Eimer mit kaltem oder ggf. auch warmem Wasser - die berühmt berüchtigte EIMERDUSCHE. Dabei nicht ganz unwichtig ist auch der Ort, an dem geduscht wird, also gewissermaßen das „Badezimmer“.

Denn dieses besteht im städtischen und wohlhabenderen Bereich, wo eine richtige Toilette vorhanden ist, im Normalfall aus einem eher kleinen Raum ohne Duschkabine o.Ä., in dem man sich (am besten in einer Ecke möglichst weit vom Klo entfernt) duscht; dort, wo es nur ein ausgelagertes „Steh-Plumpsklo“ gibt, ist meist daneben ein kleiner, separater Duschraum. Von daher hängt es immer etwas von der Situation ab, wie man sich duschen bzw. waschen kann. Wenn man darauf achten muss, nicht allzu viel Wasser durch die Gegend zu spritzen, damit nicht das ganze Bad (oder wie in meinem Fall sogar das ganze Zimmer) geflutet wird, bevorzuge ich es, die Wasserschüssel vor mich oder auf die Toilette zu stellen, mich davor zu knien und mir mit einem Becher oder einer Flasche Wasser über den Kopf zu gießen - sozusagen habe ich meinen eigenen Duschkopfersatz. In einem geschlossenen Duschraum hingegen bietet sich die „typisch-kenianische“ Vorgehensweise an: Einfach die Schüssel vor sich stellen, mit beiden Händen abwechselnd Wasser rechts und links über die Schulter schöpfen und natürlich die Seife nicht vergessen! Alles in allem habe ich mit der Eimerdusche gar kein Problem, das ist halt in erster Linie nur etwas zeitaufwändiger (wie fast alles hier), aber als ich nach längerer Zeit, die ich in Kithyoko verbracht habe, das erste Mal wieder eine richtige Dusche genießen konnte, habe ich gemerkt, wie angenehm dies dennoch ist – man stellt sich einfach drunter und schon ist man nass! Amazing!

Abschließend möchte ich zu diesem Thema noch auf einen anderen Aspekt eingehen, nämlich das Bild vom Duschen und Waschen in einem Fluss. In meiner Region erübrigt sich das von selber, da es mangels ausreichend Regens  keinen Fluss in der Nähe gibt (zumindest keinen mit Wasser drin), allerdings gilt dies nicht für alle Regionen Kenias: Vielerorts wird das Wasser zum Duschen, Waschen etc. aus einem nahegelegenen Fluss geholt, weil entweder keine öffentliche Wasserversorgung existiert oder diese zu teuer ist, und seltener kommt es auch vor, dass die Menschen sich und ihre Klamotten direkt im Fluss waschen, so berichtet es z.B. Sister aus ihrem Heimatdorf im Nordwesten Kenias. Von daher: Auch dies findet statt, allerdings nur eher selten und nicht dort, wo ich lebe.

 

Haus putzen (kuosha njumba):

Als letzten Punkt möchte ich etwas genauer darüber schreiben, wie Häuser gereinigt werden. Denn auch dies sieht etwas anders aus als in Deutschland. Der Hauptgrund dafür ist relativ simpel, wollt ihr mal raten…? – Nein, nicht weil man hier nicht allzu viele bis gar keine Staubsauger findet (also das ändert bestimmt auch etwas, aber wirklich viel würden die hier nicht helfen, denn…). Das größte Problem ist etwas, dass ich heute noch gar nicht erwähnt habe: Staub! Und damit meine ich nicht diesen schönen grauen Hausstaub, der in Deutschland gerade in der Heizsaison ständig überall rumfliegt und mit Staubsauger oder Besen einfach entfernt werden kann, sondern vielmehr den rotbraunen, sandigen Staub, der hier einfach alles bedeckt: Die Landschaft, die Felder, jedes Grundstück, meine Schuhe, und eben auch ständig den Fußboden im Haus (ganz abgesehen davon dass er in der Trockenzeit bei Wind auch noch überall rumfliegt und am Ende immer den Augen oder der Nase landet). Und dieser feine, sandige Staub muss natürlich irgendwie entfernt werden, damit das Zimmer nicht irgendwann rotbraun ist.

Am einfachsten geht das natürlich, wenn man sich einen Besen nimmt (hier sind vor allem hard brooms, eine Art sehr einfache Strohbesen verbreitet) und den Dreck und Staub zusammen- oder vor die Haustür kehrt (letzteres wird tatsächlich häufig gemacht, und da vor dem Haus ja auch alles voller Staub ist, ist das gar nicht mal so problematisch). Das Problem ist nur, dass der Staub so fein ist, dass man dabei gefühlt genauso viel aufwirbelt wie zusammenkehrt, und sich dieser somit kurze Zeit später einfach irgendwo anders oder wieder auf dem Boden absetzt, sodass damit niemandem wirklich geholfen ist. Was hingegen hilft, ist Wasser, das den Staub binden kann. Falls der Raum relativ groß und leer ist und man den Betonboden überall gut erreichen kann, bietet es sich an, diesen einfach mit einem Wasserschlauch zu fluten und anschließend das ganze Wasser mit einem Besen nach draußen zu „fegen“. So werden im Projekt z.B. täglich die Schlafräume und die Klasse saubergemacht.

Doch viel einfacher und verbreiteter als den ganzen Raum unter Wasser zu setzen (zumal man dazu auch erst mal genug Wasser braucht) ist es, das Haus mit einem Mob nass zu wischen. Auf diese Weise wird auch in bestimmt 90% der Fälle der Boden gereinigt, so auch im Parish. Das Interessante dabei ist vor allem, dass, anders als ich es aus Deutschland kenne, im Normalfall nicht zuerst mit einem Besen der gröbste Dreck entfernt, sondern direkt feucht gewischt wird. Dies macht angesichts des Staubs auf dem Boden wohl auch Sinn, führt allerdings dazu, dass Wasser und Mob nach kurzer Zeit sehr braun sind, sodass ich jedes Mal, wenn ich etwas wischen will, zunächst den Mob etliche Male auswaschen muss, bevor ich das Gefühl habe, dass das weggeschüttete Wasser nicht mehr ganz so dreckig ist. Einen wirklich sauberen Mob habe ich hier bisher noch nicht gefunden; aber nichtsdestotrotz werden die Räume auch so sauber!

Meine Und die üblichen Putzwerkzeuge: Handbesen, Kehrblech, Borstenbesen und Mob 

 

Soviel für heute, ich hoffe, ihr habt auch dieses Mal wieder etwas mitnehmen können! Noch eine Anmerkung: Für alle diese Dinge gilt natürlich, dass sie nur das wiederspiegeln, was ich bisher gesehen, erlebt und anderweitig erfahren habe, und somit auch sehr darauf fixiert sind, wie Dinge in meinem Umfeld mit allen sozialen, kulturellen, umweltbedingten und sonstigen Besonderheiten gemacht werden. Wie anfangs schon erwähnt, habe ich gar keine Vorstellung davon, wie interessant ihr dieses Thema und diesen Bericht allgemein fandet, da mir dies alles schon so alltäglich geworden ist, dass es für mich nichts Besonderes oder Interessantes (mehr) ist. Aus diesem Grund würde ich mich sehr über Rückmeldungen diesbezüglich freuen und hoffe, dass ihr im Zuge dessen auch gleich mögliche Fragen und Vorschläge zu neuen Einträgen loswerdet, also ran an die Kommentarfunktion (oder Mail  / Whatsapp etc.), und bis zum Monatsrückblick!

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